Die Pilotstudie: Erste Erkenntnisse und nächste Schritte
Im Laufe des Jahres haben wir unsere mehrsprachige Online‑Umfrageplattform entwickelt und kontinuierlich weiter verfeinert, um unsere Forschung Resilienz und Pädagogik voranzubringen. Die Plattform ist inzwischen auf Deutsch, Englisch, Spanisch und Chinesisch verfügbar; Portugiesisch und Niederländisch folgen in Kürze – dank der Unterstützung von Kolleginnen sowie Kollegen in Brasilien und den Niederlanden.
Mit dieser Plattform konnten wir unsere Pilotbefragung starten und haben uns sehr über die Teilnahme von Waldorflehrkräften aus aller Welt gefreut. Die Lehrkräfte öffneten grosszügig Türen in ihre Klassenzimmer und gaben ehrliche Einblicke darin, wie ihre Schülerinnen und Schüler mit den Herausforderungen der heutigen Zeit umgehen, was ihnen hilft und wo sie Schwierigkeiten erleben.
Wer nimmt teil? Eine vielfältige und globale Stichprobe
Die Pilotstudie umfasst eine breite und kulturell vielfältige Gruppe von Lehrkräften aus Waldorfschulen in Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien. Die Teilnehmenden kommen aus Ländern wie Argentinien, Chile, China, Kolumbien, Estland, Frankreich, Ungarn, Mexiko, Russland, Spanien und den Vereinigten Staaten. Sie bringen Perspektiven aus unterschiedlichen Rollen ein – darunter Klassenlehrkräfte, Fachlehrkräfte, Mentorinnen und Mentoren, Tutorinnen und Tutoren sowie pädagogische Unterstützungsfachkräfte – und aus Schulstufen vom frühen Grundschulalter bis zur Oberstufe. Diese geografische Vielfalt verleiht den gewonnenen Erkenntnissen Tiefe und Breite und ermöglicht einen bedeutungsvollen kulturübergreifenden Blick auf die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler.
Höhepunkte aus den wertvollen Rückmeldungen der ersten Online‑Erhebungswelle
In den offenen Fragen berichteten die Lehrkräfte über eine grosse Bandbreite an Beobachtungen – zu schulischen Leistungen und Übergängen nach dem Abschluss, Wohlbefinden und Verhalten, Sozialisierung und Beziehungen, familiären Einflüssen sowie schulischen und systemischen Rahmenbedingungen.
Besonders häufig äusserten die Lehrkräfte Sorgen um das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler. Viele beschrieben zunehmende Ängstlichkeit, Nervosität und emotionale Sensibilität. Einige berichteten, dass Jugendliche eine subtile, aber wachsende Angst davor äussern, «hinaus in die Welt zu gehen». Mehrere Lehrkräfte beobachteten, dass Kinder stärker über virtuelle Räume miteinander in Kontakt treten – eine Entwicklung, die ihr Selbstvertrauen in direkten Begegnungen schwächen kann.
Auch Schwierigkeiten mit Konzentration und innerer Ruhe wurden häufig genannt, verbunden mit der Warnung, dass die ständige Reizüberflutung des modernen Lebens langfristig ernsthafte gesundheitliche Folgen haben könnte. Müdigkeit tauchte als wiederkehrendes Motiv auf: Viele Schülerinnen und Schüler wirken oft erschöpft. Darüber hinaus berichteten Lehrkräfte von tieferliegenden Stressfaktoren, die mit dem Verlust kultureller Traditionen, der Entfremdung von der eigenen Muttersprache und ökologischen Sorgen zusammenhängen.
Ein weiteres zentrales Thema waren soziale Beziehungen. Einerseits beschrieben Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler, die Mühe haben, selbstständig soziale Kontakte zu knüpfen und sich stark auf digitale Kommunikation verlassen – was Unsicherheit oder Isolation verstärken kann. Andererseits betonten viele die stabilisierende Wirkung menschlicher Verbundenheit: unterstützende Lehrkräfte, verständnisvolle Mitschülerinnen und Mitschüler sowie eine fürsorgliche Gemeinschaft gelten als wesentliche Quellen von Stärke und Resilienz.
Auch schulbezogene Faktoren wurden genannt, darunter hohe akademische Anforderungen, zahlreiche ausserschulische Verpflichtungen und Instabilität durch häufige Wechsel bei Fachlehrkräften. Diese strukturellen Belastungen erhöhen die Komplexität des schulischen Alltags zusätzlich. Hier können Sie die Original-Zitate unserer Teilnehmenden lesen.
Wie geht es weiter?
Wir arbeiten derzeit aktiv daran, die ethische Genehmigung in den Niederlanden über die Ethikkommission der Universität Maastricht zu erhalten, bevor wir den Fragebogen an Minderjährige weitergeben.
In der Zwischenzeit werden wir qualitative Interviews mit den teilnehmenden Waldorflehrkräften durchführen, um vertiefte empirische Einblicke in die Forschungsfragen zu gewinnen, und anschliessend den Fragebogen für die zweite Erhebungswelle freischalten. Neue Teilnehmende sind herzlich eingeladen, sich über den auf der Projektseite eingebetteten Registrierungsfragebogen anzumelden.
Wir möchten diese Gelegenheit nutzen, um allen Lehrkräften unseren herzlichen Dank auszusprechen, die sich die Zeit genommen haben, den Fragebogen auszufüllen und ihre Erfahrungen mit uns zu teilen.
Wir freuen uns darauf, die Arbeit gemeinsam fortzusetzen.
Belle Leung and Jacinta Gorchs