Ein erster Pilotversuch mit dem Fragebogen und dem theoretischen Modell wurde mit ehemaligen Schülern durchgeführt. Die vorläufigen Ergebnisse weisen in die erwartete theoretische Richtung: positive Schulerfahrungen → grössere Resilienz → weniger Stress. Im nächsten Pilotversuch mit ehemaligen Schülern wird ein besonderer Schwerpunkt darauf gelegt, herauszufinden, welche strukturellen Elemente der Waldorfpädagogik möglicherweise mit Resilienz in Zusammenhang stehen.
Mehr als fünf Jahrzehnte Resilienzforschung haben gezeigt, dass Stärke nicht ausschliesslich im Individuum liegt. Sie entsteht in Beziehungen, in kulturellen Praktiken und im Zusammenspiel zwischen innerer Orientierung und äusseren Umständen. Von Norman Garmezys frühen Beobachtungen bis zu den sozial-ökologischen Modellen von Michael Ungar hat sich das Forschungsfeld allmählich von der Betrachtung der Resilienz als Eigenschaft zum Verständnis als ein Prozess hin entwickelt – kontextabhängig, relational und tief in der gelebten Erfahrung verankert.
Resilienz wird in dieser Forschung als «ein dynamischer, beziehungsorientierter Prozess verstanden, der durch fortlaufende Wechselwirkungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt entsteht.»1
Das vorliegende Projekt «Resilienz und Pädagogik» basiert auf diesen Grundlagen, greift die Erkenntnisse der prägenden Forschenden des Feldes auf und betritt zugleich sein eigenes Untersuchungsgebiet. Die zwischen Juni und August durchgeführte Pilotstudie mit Waldorf-Absolventinnen und -Absolventen verwendete etablierte Messinstrumente – die Perceived Stress Scale, das Sense of Coherence, die Child and Youth Resilience Measure und weitere. Mit ihrer Hilfe wird die Befragung zu einer Landkarte dafür, wie junge Menschen sich in ihren Lebensumwelten orientieren und wie diese Orientierung, ihre Fähigkeit etwas zu bewältigen, unterstützen oder erschweren.
Viele Jahre Schulerfahrung
Die Alumni-Pilotstudie erweitert diese relationale Perspektive über die Zeit. Mit Teilnehmenden im Alter von 18 bis 60 Jahren (Median = 23; Mittelwert = 26,7) umfasst die Stichprobe (n = 99) mehrere Generationen. Die Pilotstichprobe bestand überwiegend aus weiblichen Teilnehmenden: 61 von 99 Personen; vier Personen machten keine Angabe zu ihrem Geschlecht. Die Mehrheit begann eine Waldorf-Laufbahn im Kindergarten oder in den frühen Klassenstufen und blickt damit auf eine langfristige und kontinuierliche Schulbiografie zurück. Diese frühe und kontinuierliche Bildungsbiografie ist nicht nur eine beschreibende Angabe; sie bildet einen wesentlichen Kontext für die Interpretation der Zusammenhänge zwischen Schulerfahrung, Resilienz und wahrgenommenem Stress. Diese langfristigen Bildungswege sind nicht lediglich biografische Details, sondern kontextuelle Schutzfaktoren, die beeinflussen, wie sich Resilienz entwickelt und wie mit Stress umgegangen wird.
Das Mediationsmodell unterstreicht diese Erkenntnis. Es trägt den Titel «Der Zusammenhang zwischen der Dauer des Waldorfschulbesuchs, Resilienz und wahrgenommenem Stress» und veranschaulicht einen möglichen Wirkungsweg: Schülerinnen und Schüler, die von positiveren Schulerfahrungen berichten, weisen tendenziell eine höhere Resilienz auf, und Resilienz steht in einem starken negativen Zusammenhang mit wahrgenommenem Stress.
Die Abbildung zeigt ein Mediationsmodell, das den Zusammenhang zwischen Waldorfschulerfahrung, Resilienz und wahrgenommenem Stress darstellt. Faktoren wie Wechsel der Klassenlehrkraft, Kohärenzgefühl, Geschlecht und Geburtsjahr beeinflussen dabei die Ergebnisse. Ein indirekter Effekt (a × b = −0,370***) verdeutlicht einen Wirkungsweg, der die Dauer des Waldorfschulbesuchs mit dem Stresserleben der Schülerinnen und Schüler verbindet.
Das Mediationsmodell unterstreicht diese Erkenntnis. Es trägt den Titel «Der Zusammenhang zwischen der Dauer des Waldorfschulbesuchs, Resilienz und wahrgenommenem Stress» und veranschaulicht einen möglichen Wirkungsweg: Schülerinnen und Schüler, die von positiveren Schulerfahrungen berichten, weisen tendenziell eine höhere Resilienz auf, und Resilienz steht in einem starken negativen Zusammenhang mit wahrgenommenem Stress.
Die Abbildung zeigt ein Mediationsmodell, das den Zusammenhang zwischen Waldorfschulerfahrung, Resilienz und wahrgenommenem Stress darstellt. Faktoren wie Wechsel der Klassenlehrkraft, Kohärenzgefühl, Geschlecht und Geburtsjahr beeinflussen dabei die Ergebnisse. Ein indirekter Effekt (a × b = −0,370***) verdeutlicht einen Wirkungsweg, der die Dauer des Waldorfschulbesuchs mit dem Stresserleben der Schülerinnen und Schüler verbindet.
Eine der deutlichsten Erkenntnisse ist, dass Absolventinnen und Absolventen, die mit positiveren Gefühlen auf ihre Waldorfschulzeit zurückblicken, tendenziell auch eine höhere Resilienz aufweisen. Absolventinnen und Absolventen mit höherer Resilienz berichten über deutlich weniger Stress. Dieser statistisch signifikante Zusammenhang deutet darauf hin, dass positive Waldorfschulerfahrungen dazu beitragen können, Bewältigungsfähigkeiten zu stärken, die Absolventinnen und Absolventen auch später im Leben unterstützen. Veränderungen der Klassenlehrkraft in den Klassen 1 bis 8 hatten keinen statistisch signifikanten Einfluss auf die Resilienz. Das Kohärenzgefühl – das Gefühl, dass das Leben verständlich, handhabbar und sinnvoll ist – zeigte einen kleinen Zusammenhang mit Stress, allerdings nicht in der Richtung, die wir normalerweise erwarten würden. Das Geschlecht spielte eine Rolle: Männliche Befragte berichteten über weniger Stress als andere. Alter und finanzielle Belastung zeigten keine statistisch signifikanten Effekte.
Insgesamt zeigt das Modell einen einfachen und konsistenten Zusammenhang: Positive Waldorfschulerfahrungen → höhere Resilienz → weniger Stress. Dies ist ein robustes Ergebnis der Pilotstudie.
Darüber hinaus stützt das Modell die theoretische Annahme, dass kontextuelle Merkmale der Waldorfpädagogik positiv zur Entwicklung von Resilienz beitragen, die wiederum die Bewältigung von Stress erleichtert. Die an einer Waldorfschule verbrachte Zeit bildet dabei ab, in welchem Umfang Schülerinnen und Schüler kontinuierliche Unterstützung durch Lehrkräfte, verlässliche Beziehungen und eine sinnvolle Einbindung in Lernprozesse erfahren.
Methodischer Hinweis:
Diese Pilotstudie basierte auf einer relativ kleinen analytischen Stichprobe (n = 99), wodurch die statistische Teststärke für die Schätzung komplexer Strukturgleichungsmodelle begrenzt war. Um stabile Schätzungen zu gewährleisten und Konvergenzprobleme zu vermeiden, wurden die Konstrukte im Modell mithilfe von Zeilenmittelwerten als zusammengesetzte Scores dargestellt, anstatt vollständige latente Variablen zu verwenden. Dieser Ansatz ermöglichte, die zentralen theoretischen Zusammenhänge in vereinfachter und robuster Form zu prüfen, wobei berücksichtigt wurde, dass eine latente Strukturgleichungsmodellierung (SEM) in einem grösseren Datensatz eine präzisere Bewertung ermöglichen würde. Die Ergebnisse der Pilotstudie stellen daher einen wichtigen ersten Schritt dar und dienen als Grundlage für die Entwicklung einer grösseren Befragung, in der eine vollständige latente Modellierung umgesetzt werden kann.
Aus der Perspektive sowohl der Lehrkräfte als auch der Alumni tritt ein Thema immer wieder auf: Resilienz wächst dort, wo Beziehungen bedeutsam sind, wo Umgebungen Kohärenz bieten und wo junge Menschen sich wahrgenommen fühlen.
Das Projektteam
Für die Ergebnisse der Pilotstudie mit Lehrkräften verweisen wir auf unseren vorherigen Artikel.
Fussnote
1: Ungar, M. (2011). The social ecology of resilience: A handbook of theory and practice. Springer Science & Business Media.