In diesem Beitrag beschreibt Belle Leung, wie sie mit ihrer Langzeitstudie «Resilienz und Pädagogik» eine weitere Etappe erreicht hat: Der Weg vom bewusst formulierten Fragebogen zum Grünen Licht der Universität Maastricht.
Fragen werden oft als Instrumente verstanden, um Informationen zu gewinnen. Doch eine Frage zu stellen kann auch ein Schritt auf jemanden zu sein – ein Öffnen eines Raumes, in dem Beziehung möglich wird. In diesem Sinne sucht eine Frage nicht nur etwas vom Gegenüber; sie drückt auch ein Bedürfnis nach Verbindung aus – eine Geste des Interesses und eine Einladung zur Begegnung.
Dies wurde mir besonders in Gesprächen mit Kindern deutlich. Ein Kind kann plötzlich nach Liebe, Verlust oder Tod fragen – nicht, weil es abstraktes Wissen sucht, sondern weil es versucht, sich in einem Gefühl, einer Beziehung oder einer Erfahrung zu orientieren, die es noch nicht vollständig benennen kann. Oft ist nicht die Antwort selbst entscheidend, sondern die Qualität der Präsenz und Resonanz des Erwachsenen, der die Frage empfängt. In solchen Momenten wird eine Frage weniger zu einem intellektuellen Akt und mehr zu einer Brücke zwischen innerem Erleben und gemeinsamem Verstehen. Manchmal wird dadurch etwas sichtbar, das sonst verborgen geblieben wäre.
Auch wissenschaftliche Forschung beginnt mit einer Frage, gefolgt von intensiver Auseinandersetzung mit dem Forschungsfeld. Forschungsfragen benötigen Orientierung, traditionell geprägt durch frühere Studien, bestehende Theorien und das Bewusstsein dafür, was andere bereits erforscht haben.
In diesem Sinne umfasst Forschung sowohl Vergangenheit als auch Zukunft: Sie baut auf der Arbeit jener auf, die vor uns kamen, und lädt zugleich dazu ein, Neues und Bedeutsames beizutragen. Wie Isaac Newton berühmterweise sagte: «Wenn ich weiter sehen konnte, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.» Wir erben Konzepte, Methoden und Perspektiven, die durch Jahre gemeinsamer Arbeit entstanden sind, und begeben uns auf den Weg, neue sinnvolle Einsichten hervorzubringen.
Bei der Gestaltung eines Forschungsprojekts gibt es unendlich viele mögliche Richtungen. Die Herausforderung besteht meist nicht im Mangel an Material, sondern darin, eine sinnvolle Orientierung zu finden. Welche Fragen sind für dieses Projekt wirklich bedeutsam? Welche Skalen passen tatsächlich zum pädagogischen Kontext, der untersucht wird?
Anstatt völlig neue Skalenniveaus zu entwickeln, entschied ich mich für bereits breit getestete, die in mehrere Sprachen übersetzt und in unterschiedlichen kulturellen Kontexten validiert wurden. Gleichzeitig blieb eine wichtige Unsicherheit bestehen: Selbst wenn eine Skala wissenschaftlich solide ist – passt sie wirklich zu dem Kontext, in dem sie eingesetzt wird?
Einige Resilienzskalen erlauben es Forschenden, kontextspezifische Zusatzfragen einzufügen … Doch jede Anpassung wirft auch eine weitere Frage auf: Fügen sich die neu hinzugefügten Fragen noch sinnvoll in den bestehenden Rahmen ein? Dies lässt sich letztlich nur in der Begegnung mit realen Teilnehmenden und realen Daten beantworten.
Praktische, methodische und ethische Zweifel tauchen fortlaufend auf – besonders in einer Studie, die Minderjährige und aktuelle Schülerinnen und Schüler einbezieht. Die Fragebögen und das Studiendesign wurden sorgfältig geprüft, da Fragen zu Beziehungen, Wohlbefinden oder Zugehörigkeit tief persönliche Erfahrungen berühren. Letztlich ist ein Fragebogen nicht einfach ein technisches Instrument. Jede Frage tritt – wenn auch nur kurz – in das Leben eines anderen Menschen ein.
Deshalb ist es entscheidend, immer wieder zur ursprünglichen Forschungsfrage zurückzukehren: Was möchten wir im Kern verstehen?
Jede Forschungsfrage trägt eine implizite Geste in sich, und jede einzelne Frage sollte bedeutsam genug sein, um gestellt zu werden. Dies sind Wege, um während des gesamten Prozesses Klarheit und Orientierung zu bewahren.
Aus diesem Grund geht es bei der Finalisierung eines Fragebogens nicht nur um wissenschaftliche Validität. Es geht ebenso um Bewusstheit: um Sprache, emotionale Sensibilität, Relevanz und die Erfahrung der Teilnehmenden selbst.
Für das Forschungsprojekt Resilienz & Pädagogik standen drei Professorinnen und Professoren aus Psychiatrie, Psychologie und Philosophie der Universität Maastricht beratend zur Seite. Innerhalb der Universität übernahm die Ethikkommission die Verantwortung, das Studiendesign sorgfältig zu prüfen – einschliesslich der Fragebögen, Einverständniserklärungen und methodischen Struktur.
Nun hat das Forschungsprojekt die «ethische Genehmigung» der Universität Maastricht erhalten, um bedeutungsvolle Beiträge aus der Waldorfbewegung zu sammeln.
Belle Leung