Ein Kommentar von Philipp Reubke, Leiter der Pädagogischen Sektion, zur Pisa-Studie 2025.
Die Aufregung ist spürbar. Immer mehr Zeitgenossen merken, dass der mit Algorithmen, Likes, verschönten Gesichtern und Pushnachrichten zubereitete Zeitvertreib zwar viel Genuss bereitet, aber süchtig macht und langfristig unangenehme Nebenwirkungen produziert. So wie im Song von Udo Jürgens aus den 90er-Jahren. Damals ging es um den «Sturm auf das Kuchenbuffet», «auf Schwarzwälder-Kirsch und auf Sahne–Baiser», um ältere Tratschtanten in der Konditorei, die Opfer ihrer unmässigen Sucht nach Schlagsahne werden: «Das Ende vom Lied, das hat wohl jeder geahnt, der Tod hat reihum sie abgesahnt».
Die Sahne von heute heisst zum Beispiel Facebook, Instagram und Tiktok und die Aufregung einer der Konditoren ist schon seit einiger Zeit spürbar. Schon im März wurde Meta «wegen mangelnden Schutzes von Kindern auf seinen Plattformen» vom US-Staat New Mexico zu 375 Millionen Dollar Strafe verurteilt. Da eine Vielzahl weiterer Verurteilungen und eine Strafe von 200 Milliarden Dollar drohte, waren die Meta-Manager wahrscheinlich zufrieden, dass sie sich Ende August im Rechtsstreit mit 29 US-Bundesstaaten auf einen Vergleich einigen konnten: 18 Milliarden Dollar Strafe und eine Reihe von Auflagen, die sicherstellen sollen, dass man die Sahne etwas weniger suchtanregend anrührt. Künftig sollen Kinder unter 13 Jahren keinen Zugang mehr zu den Plattformen haben. Für 13- bis 17-Jährige wird die Nutzung auf zwei Stunden pro Tag begrenzt.1
Reicht das, um die ungeheure Anziehungskraft des digitalen Kuchenbuffets einzudämmen? Hans Breiter von der Universität Cincinnati hat grosse Zweifel. Er hat in der August-Nummer der Zeitschrift «Nature» eine Studie veröffentlicht, in der nachgewiesen wird, dass intensive Social-Media-Nutzung psychische Schäden und Depressionen hervorruft: «Soziale Netzwerke haben einen bedeutenden negativen Effekt weil sie mit Depression in Zusammenhang stehen, genau so, wie Autofahren in Zusammenhang steht mit Umweltverschmutzung und Unfällen.»2 Der soziale Druck und die suchtmachende Wirkung seien aber so gross, dass nur ein Mindestalter wie beim Führerschein und eine intensive frühzeitige Aufklärung etwas bewirken würden.
Die Aufregung ist jetzt auch bei Lehrpersonen und in Erziehungsministerien spürbar. Zunächst ist kein Zusammenhang zu sehen. Hier ist sie hervorgerufen durch die Veröffentlichung der jüngsten Pisa Studie, die im Jahr 2025 mit 760'000 15- jährigen Schülern in 91 Ländern durchgeführt wurde. Das Ergebnis: «Die schulischen Leistungen gingen insgesamt in den OECD-Länder zurück, wobei in den Fächern Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik die niedrigsten jemals verzeichneten Durchschnittswerte erreicht wurden.»3 Vor allen Dingen hat das in den besonders schlecht abschneidenden europäischen Ländern zu Aufregung geführt: «Ein Katastrophe», «die schlimmste Krise der Schule», konnte man in den nordischen Ländern lesen4, «ein Erdbeben für unser Land, das auf die intellektuelle Dekadenz zusteuert», hiess es in Frankreich5. «Die Ergebnisse der PISA-Studie für Deutschland sind alarmierend», meinte Hessens Kultusminister6, während in der Schweiz, wo die Ergebnisse im Vergleich etwas besser sind, die Zeitung «NZZ» anmerkt: «Ein Viertel der Schweizer Kinder leidet unter Leseschwäche».7
«Nichts ist wichtiger als die Schule neu zu gestalten, eine Schule die Bildung und Emanzipation ermöglicht.»8 Mit diesem Statement des französischen Präsidentschaftskandidaten Gabriel Attal sind ja alle einig. Aber wie schaffen wir das, als Eltern und Lehrpersonen? Da gehen die Meinungen stark auseinander und wieder kann man die bekannte Musik hören, dass mehr standardisierte Tests, mehr Schulstunden, strengere Aufsicht, frühes schulisches Lernen zu höherer Bildung führen würden. In dieser Beziehung hat der französische Politiker Bruno Le Maire den Vogel abgeschossen: Er fordert eine Schulpflicht ab einem Jahr.9
Die Autoren der Pisa-Studie sind da anderer Meinung und die Konklusion ihres Berichts liesst sich eher wie eine Wertschätzung dessen, was in Waldorfkindergärten und -Schulen versucht wird: Es «…bedarf […] mehr als nur solider akademischer Kenntnisse. Da lebenslanges Lernen, die Erweiterung und Umorientierung der eigenen Kompetenzen zunehmend an Bedeutung gewinnen, benötigen Schüler die Motivation, Eigeninitiative und Lernstrategien, die es ihnen ermöglichen, ihr Lernen ihr ganzes Leben lang selbst in die Hand zu nehmen.»10
Als Erzieher in einem Waldorfkindergarten versuche ich, den Kindern einen geeigneten Raum, anregendes Material und eine passende Zeitstruktur zu geben, in denen sie ihre eigenen Bau- und Lerninitiativen im freien Spiel entfalten können. Zwei oder drei Jahre lang gewöhne ich sie daran, dass die Welt auf ihre Initiativen wartet, im Lernen und im Tun und sie nicht darauf warten müssen, dass ihnen das von aussen vorgeschrieben wird. Da das Spielen mit den allerverschiedensten Materialien nicht von theoretischen Erklärungen begleitet wird, sind die Erfahrungen, die man mit dem Material und der Natur machen kann, emotional tiefgehend, weil selbstgesucht und nicht durch Analyse verflacht. Eine Basis von tiefen, mit Freude gemachten Erfahrungen, auf die die Lehrpersonen in der Schulzeit mit formalem Lernen aufbauen können.
Aber auch das ist so, dass es die Eigenaktivität der Kinder herausfordert. Die Hefte werden selbst gemacht, erst wird gemalt, geschrieben und dann gelesen, erst wird ein Haus gebaut und dann überlegt, wie das ging, erst erkundet und gemessen und dann die Karte gezeichnet und verstanden. Die Lehrperson erzählt und charakterisiert botanische, zoologische und geographische Zusammenhänge und erwartet, dass sich die Kinder dabei etwas vorstellen. Die Anstrengung, die vorher körperlich war, wird jetzt seelisch. Und mit dem, was man anschliessend bei Exkursionen oder durch Anschauungsmaterial in der Schule entdeckt, kann man sich viel tiefer verbinden, weil man vorher schon mal sich angestrengt hat, ein inneres Bild zu erzeugen.
Die Tatsache, dass Lehrpersonen nicht dauernd für eine andere Kindergruppe verantwortlich sind, sondern längerfristig mit Kindern und Eltern eine Beziehung aufbauen können, kommt einer anderen Bemerkung der Pisa-Autoren entgegen: «Enge Beziehungen zu Familien und Lehrkräften spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle bei der Förderung sowohl des Engagements als auch der schulischen Leistungen.»11
In einer Reaktion einer deutschen Lehrergewerkschaft auf die Pisa-Studie wird ein pädagogisches Phänomen beschrieben, dem die Waldorfschulen durch Epochenunterricht gerecht zu werden versuchen. «Was wir den Schülerinnen und Schülern mühsam beibringen müssen und uns Erwachsenen übrigens auch wieder, ist das Entschleunigen und das tiefgehende Beschäftigen mit einer Materie, weil wir nur so lernen.»12
Und damit rundet sich der Bogen und wir kommen zur Schlagsahne zurück: Zucker und Fett, das ohne weitere Verdauungsanstrengung einen schnellen Genuss und Energiekick vermittelt. Soziale Netzwerke, aber auch andere digitale Programme ebenso: Bilder, Vorstellungen, Informationen, Beziehungen, tiefe Emotionen, ohne eigene Anstrengung und erst mal grosse Lust erzeugend. Man gewöhnt sich einfach ab, sich zu bemühen, etwas zu lesen, zu verstehen, zu lernen und auszudrücken. Anthroposophische und andere Autoren haben schon seit Udo Jürgens Zeiten regaleweise Bücher darüber geschrieben. Aber erst jetzt wird Aufregung spürbar. Der Drogenbeauftrage der deutschen Bundesregierung fragt: «Wie viel wissenschaftliche Evidenz brauchen wir eigentlich noch, bevor wir handeln?»13 Und «Le Monde» schreibt in einem Leitartikel: «Gute Leistungen in den Naturwissenschaften stehen in Zusammenhang mit einem geringeren Einsatz von KI und einem bewusst dosierten Umgang mit digitalen Geräten.»14
Schlagsahne sollte nicht verboten werden, aber bewusst dosiert. Für Bildung und Kultur hängt viel davon ab, ob wir den Gebrauch von digitalen Programme «bewusst dosieren» können.
PS: Die Pädagogische Sektion veranstaltet vom 30. März bis 3. April 2027 die World Teachers’ Conference15 zu diesem Thema: «For Learning and for Work».
Philipp Reubke
Fussnoten
1: Zu den Meta-Verfahren: Johannes Drosdowski / Svenja Bergt in: taz, 27.8.2026; Le Monde, 27.8.2026; tagesschau.de, 25.3.2026.
2: Martin L. Block, Hans C. Breiter u.a.: ‹Social media use and depression across 11 years of U.S. adult data›, npj Mental Health Research, 22.8.2026.
3: OECD: ‹PISA 2025 Results (Volume I): Future-Ready Students›, Paris 2026.
4: Le Monde, 9.9.2026 (zu den skandinavischen Ländern).
5: Le Monde, 8.9.2026 (zur französischen Debatte).
6: Armin Schwarz (CDU), hessischer Kultusminister; hessenschau.de, 8.9.2026.
7: NZZ, 8.9.2026.
8: Gabriel Attal, wie Anm. 5.
9: Le Figaro, 8.9.2026.
10: Wie Anm. 3.
11: ebd
12: Thilo Hartmann, Vorsitzender der GEW; wie Anm. 6.
13: Hendrik Streeck (CDU), Drogenbeauftragter der Bundesregierung; zdfheute.de, 8.9.2026.
14: Le Monde, 8.9.2026 (Leitartikel).
15: World Teachers' Conference 2027: 30. März bis 3. April 2027 am Goetheanum