Das Projekt «Ñamandú Rapé» möchte es jungen Menschen der indigenen Volksgruppe Mbyá-Guaraní ermöglichen, ihren Bildungsweg fortzuführen, ohne ihre Dörfer und damit ihre Kultur verlassen zu müssen. Die Mbyá-Guaraní, welche im Nordosten Argentiniens lebt, verfügt über ein reiches kulturelles Erbe, das sich im Einklang mit dem Wald und der Natur ausdrückt. Ein Beitrag von Paula Edelstein aus Argentinien.
«Ñamandú Rape» ist ein interkulturelles Bildungsprojekt der Mbya Guaraní, welches in Tekoá Ñamandú, in der Region Ruiz de Montoya, im Zentrum der Provinz Misiones in Argentinien, durchgeführt wird. Es richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene, welche die Grundschule abgeschlossen haben und ihren Bildungsweg in der Nähe ihrer Dörfer fortsetzen möchten. Vor diesem Hintergrund haben wir, ein Team aus Lehrkräften und Guaraní-Lehrern (die Mboeá), beschlossen, die Familien und die Jugendlichen (die Keringüe) auf einem Weg des Lernens und der Bildung zu begleiten, der für diese Lebensphase charakteristisch ist.
Aktuelle Lage
Die Mbya-Guaraní-Gemeinschaften in Misiones verfügen über ein reiches kulturelles Erbe, das sich in der Bewahrung ihrer Sprache, ihrer Bräuche, ihrer Kultur und ihrer Lebensweise im Einklang mit dem Wald und der Natur ausdrückt. Auf der Grundlage dieses Reichtums erziehen sie die neuen Generationen. Die vorherrschenden Strukturen der heutigen Gesellschaft, die von Konsum und Produktionsweisen geprägt sind, sind den Gemeinschaften fremd. Diese Gesellschaftsstrukturen erfordern jedoch die Teilnahme am formalen Bildungssystem und eine entsprechende Ausbildung, was die Mbya-Guaraní-Gemeinschaften vor vielfältige Herausforderungen stellt:
Waldorfpädagogik als pädagogische Orientierung
Die Waldorfpädagogik ermöglicht uns ein ganzheitliches und respektvolles Verständnis des Menschen und der Kontexte, in denen der Mensch lebt. Auf dieser Grundlage ist es möglich, eine pädagogische Alternative anzubieten, die den formalen Anforderungen gerecht wird, ohne die pädagogischen Prinzipien der Mbya-Guaraní-Weltanschauung zu beeinträchtigen. In diesem Sinne leistet sie einen wesentlichen Beitrag zur Einhaltung der argentinischen Gesetze, die dazu aufrufen, «kulturelle Normen, ihre Sprache, ihre Weltanschauung und ihre ethnische Identität zu bewahren und zu stärken; sich aktiv in einer multikulturellen Welt zu engagieren und ihre Lebensqualität zu verbessern. (…) einen für beide Seiten bereichernden Dialog über Wissen und Werte zwischen indigenen Völkern und ethnisch, sprachlich und kulturell unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu fördern und die Anerkennung und Achtung dieser Unterschiede zu begünstigen.» (Argentinisches Bildungsgesetz 26.206, Artikel 52)
Artikel 21, Ziffer 1 der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker:
«Indigene Völker haben ohne Diskriminierung das Recht auf die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Situation, unter anderem in den Bereichen Bildung, Beschäftigung, Berufsausbildung und Umschulung, Wohnungswesen, Sanitärversorgung, Gesundheit und soziale Sicherheit.»
Begegnung und Arbeit mit den Mbyá-Jugendlichen
Unser Ziel und unsere Herausforderung bestehen darin, zum Aufbau eines neuen Weges beizutragen, der es ermöglicht, das Recht der jungen Guaraní auf Sekundarschulbildung zu gewährleisten, indem wir Lernprozesse fördern, die auf der Stärkung ihrer Lebensentwürfe beruhen und ihre Identität sowie ihre individuelle Entwicklung auf der soliden Grundlage ihrer Zugehörigkeit zur Gemeinschaft festigen.
Zu diesem Zweck entwickeln wir pädagogische Konzepte, die sich auf die interkulturelle Begegnung zwischen Gemeinschaften, Schulen und Organisationen der Zivilgesellschaft stützen.
Wir verfügen über Lehrkräfte, die in Waldorfpädagogik ausgebildet sind, interkulturelles Bewusstsein besitzen und den Wert des Waldes als Lehrer schätzen. Wir sind bereit, den Unterricht vor Ort zu organisieren, um schwer aufrechtzuerhaltende Schulwege zu vermeiden.
Rückblick
Die Geschichte dieses Projekts reicht bis ins Jahr 2015 zurück, als in der Region eine staatliche Grundschule mit interkulturellem, zweisprachigem Unterricht in der Nähe der Gemeinde Ñamandú gegründet wurde. Unmittelbar nach ihrer Gründung knüpften junge Freiwillige aus Deutschland, welche die Arbeit der Lehrkräfte unterstützten, eine Patenschaft und leisteten finanzielle Unterstützung als wichtige Grundlage für die Entwicklung der Schule.
Die Jugendlichen, die Ende 2023, 2024 und 2025 die Grundschule abgeschlossen hatten, waren sehr motiviert, weiter zur Schule zu gehen, standen jedoch vor einer unüberwindbaren Hürde: Die nächstgelegene weiterführende Schule befindet sich 20 km entfernt im Ort Ruiz de Montoya. Bei Besuchen in den Gemeinden und Gesprächen mit Familien und Häuptlingen der Tekoa wurden die Schwierigkeiten beim Zugang zum Recht auf Bildung sowie die mangelnde Reaktion des Staates auf ihre Forderungen deutlich.
Ende 2024 besuchte eine Gruppe von Mbyá-Familien zusammen mit Ñamandú, dem Häuptling der Tekoa, das Bildungszentrum Pynandí in Santa Inés, Garupá, um eine Waldorfschule kennenzulernen. Einige Eltern aus der Bildungsgemeinschaft von Pynandí nahmen Kontakt zu Ñamandú auf, und es entstand eine Freundschaft sowie eine Zusammenarbeit.
Anfang 2025 begannen im Rahmen des Prinzips der freien, vorherigen und informierten Zustimmung (gemäss ILO Nr. 169) die Förderkurse in der Gemeinde Guaviramí. Es war ein Jahr voller pädagogischer Arbeit und des Austauschs mit den Familien. Mit der finanziellen Unterstützung einiger Familien aus Deutschland und mit Mitteln der Stiftung wurde ein altersübergreifender Lernraum aufrechterhalten.
Jeden Morgen, von Montag bis Freitag, nahmen abwechselnd Lehrkräfte aus Ruiz de Montoya, Posadas und Buenos Aires teil und führten die Unterrichtseinheiten in Sprache, Literatur, Geschichte, Mathematik, Naturwissenschaften, Eurythmie und Kunst durch, wobei sie die Kultur des Mbyá-Volkes und die Individualität jedes einzelnen Jugendlichen berücksichtigten und respektierten.
Schritte für 2026
In diesem Jahr hat sich eine Gruppe aus 15 Jugendlichen gebildet. Lehrer, Jugendliche und Familien bauen gemeinsam ein eigenes Klassenzimmer auf. Das Lehrangebot ist nach saisonalen Projekten strukturiert, ergänzt durch wöchentliche Angebote in den Bereichen Bildende Kunst, Musik, Eurythmie und Handwerk. Dieses Konzept wird durch die tägliche Arbeit eines Betreuerduos getragen, dessen Ausbildungen und Werdegänge sich sowohl akademisch als auch im Hinblick auf die Weltanschauung der Mbyá ergänzen. Um diesen Prozess zu festigen, ist eine Zusammenarbeit mit einer formalen Bildungseinrichtung erforderlich, um die erworbenen Kenntnisse anzuerkennen.
Insgesamt bedeutet dies eine Neudefinition der Rollen, bei der die zentrale Rolle der interkulturellen Lehrkraft im Unterricht anerkannt und nicht nur als Hilfskraft betrachtet wird.
Wie kannst Du mitmachen?
Wenn du daran interessiert bist, Teil dieses Projekts zu werden und bei der Finanzierung oder der Öffentlichkeitsarbeit mitzuwirken, melde dich bei uns. Wir benötigen Unterstützung bei den Reisekosten, bei Honoraren für Lehrkräfte, bei Materialien und Logistik für die Bildungsausflüge. Diese sind notwendig, um die Jugendlichen bei der Annäherung an andere Lebensweisen zu begleiten.
Luis González, Mei Kadic, Paula Edelstein, Luciana Colusi
Das Koordinations- und Leitungsteam:
Ing. Fernando Steyer, Mobil +54 9 3764 23-4253
Prof. Luis González, Mobil +54 9 3764 88-7397
Dozentin María Julia Kadic, Mobil +54 9 3764 65-8139
E-Mail: namandurape@proton.me
Hae’vete Rema, ¡Muchas Gracias! Vielen Dank!