Unser Lebensweg wird von verschiedenen Dingen beeinflusst. Eines dieser Dinge ist für alle Waldorfschülerinnen und -schülern der Morgenspruch. Ein Beitrag von Albrecht Schad.
Am 7. April 1924, in der Osterzeit, ging das erste Schuljahr für eine 12. Klasse – an der kaum fünf Jahre zuvor gegründeten Waldorfschule Uhlandshöhe – zu Ende. Ein Schüler der Klasse, vermutlich Valdo Bossi, kam auf die Idee, dass die Schülerinnen und Schüler dieser ersten 12. Klasse Rudolf Steiner um ein Gespräch bitten könnten, ehe sie die Schule verliessen. Dieses Gespräch wurde zugesagt und fand am 10. April 1924 um 12 Uhr im Lehrerzimmer statt, das heute nach 107 Jahren immer noch den Konferenzen des Kollegiums dient. Die Lehrerinnen und Lehrer sassen aussen an den Wänden entlang und die Abschlussklasse sass innen im Kreis.
Am Kopfende nahm Rudolf Steiner, begleitet von Dr. Ita Wegman, Platz. Zunächst richtete Rudolf Steiner einige allgemeine Worte an sie. Er sagte, wir würden es erleben, wenn wir im Leben vor wichtigen Entscheidungen stünden, dass der Geist der Waldorfschule hinter uns stehen und uns die rechten Entschlüsse ins Ohr flüstern würde. «Die Gespräche mit ihren Kameraden werden später das Wichtigste für Sie sein, greifen Sie nur immer wieder darauf zurück.» Bei dieser Zusammenkunft wurde den Schülern ein Geleitspruch mitgegeben, der verlesen wurde und den sie sich später schriftlich bei Steiner abholen durften. Er riet ihnen nachdrücklich, den Spruch «eifrig zu meditieren», denn sie würden schon sehen, was das für Folgen haben würde.
Morgenspruch
Ich schaue in die Welt,
In der die Sonne leuchtet,
In der die Sterne funkeln;
In der die Steine lagern,
Die Pflanzen lebend wachsen,
Die Tiere fühlend leben,
In der der Mensch beseelt
Dem Geiste Wohnung gibt;
Ich schaue in die Seele,
Die mir im Innern lebet.
Der Gottesgeist, er webt
Im Sonn'- und Seelenlicht,
Im Weltenraum, da draussen,
In Seelentiefen, drinnen. –
Zu Dir, o Gottesgeist,
Will ich bittend mich wenden,
Dass Kraft und Segen mir
Zum Lernen und zur Arbeit
in meinem Innern wachse.
Geleitspruch
In den Weiten der Lebenswege
Soll sich spiegeln,
Was im lieben Jugendhause
Wie das Siegel
Echten Menschenwesens
In das Herz
Sich prägt.
In der Tiefe der Erinnerung
Soll sich stark erweisen,
Was die Seele durfte finden
In Herzenskreisen –
Durch die Geistesführerschaft,
In den Kräften
Lieber Lebensschulung.
Diese Spruchübergabe hat am 29. Juli 2026 zum 95. Mal an der Waldorfschule Uhlandshöhe stattgefunden. Das Schuljahr 2025/26 war das einhundertste Schuljahr der Schule, weil ja die Schule Ende März 1938 zwangsweise geschlossen worden war, da der Schulgründer Emil Molt die Forderungen der Nationalsozialisten an die Schule verweigert hatte. Kurz nach Kriegsende wurde die Schule im Oktober 1945 wieder eröffnet.
1600-mal den Morgenspruch
Ab der 5. Klasse bis einschliesslich der 12. Klasse sprechen die Schülerinnen an den Waldorfschulen weltweit jeden Morgen einen sogenannten «Morgenspruch». Indem dieser Spruch in aktuell 80 Ländern weltweit auf allen bewohnten Kontinenten jeden Tag gesprochen wird, wandert dieses «Spruchsprechen» jeden Tag einmal um die Erde. Bei etwa 200 Schultagen pro Jahr haben die Schüler den Morgenspruch in den 8 Jahren von der 5. bis zur 12. Klasse etwa 1600-mal gesprochen, abzüglich der Tage an denen sie zu spät kamen oder krank waren.
Die Übergabe eines Spruches am Ende der 12. Klasse ist etwas Einmaliges. So kann man die Waldorfschulzeit bewusst abrunden. Und es ist damit die Möglichkeit verbunden, den jungen Menschen, die sich anschicken hinaus in die Welt zugehen, etwas mitzugeben, das sie in schwierigen Zeiten unterstützen kann, wenn sie es möchten. In wie vielen Waldorfschulen eine solche Spruchübergabe am Ende der 12. Klasse stattfindet, ist nicht bekannt. Dieser kleine Beitrag möchte dazu anregen.
An der Waldorfschule Uhlandshöhe nehmen an der kurzen Feier der Spruchübergabe die beiden 12. Klassen und die Kollegen, die gerne kommen möchten, teil. Das Ganze ist verbunden mit einem kurzen inhaltlichen Blick auf den Spruch. Da das jedes Jahr eine andere Kollegin, ein anderer Kollege macht, erlebt man über die Jahre viele verschiedene Beiträge und damit die vielen verschiedenen Möglichkeiten, sich mit dem Spruch zu beschäftigen.
«Lebenswege» und «Menschenwesen»
Im Folgenden soll aus der Sicht eines Biologen vor allem auf zwei Begriffe, die in dem Spruch vorkommen, eingegangen werden: Es sind die Begriffe «Lebenswege» und «Menschenwesen».
Unser Lebensweg beginnt ja mit der Zeugung und endet mit dem Tod. Bei der Befruchtung wird eine Eizelle von einer Samenzelle befruchtet. Eine Eizelle, die befruchtete Eizelle, aber auch die ganz frühen mehrzelligen Embryonalstadien haben etwas sehr Physisches. Man kann sie z.B. einfrieren, was normalerweise mit lebenden Organismen nicht geht. Die Regeln des Lebens stehen noch nicht im Vordergrund. Bei der nun folgenden Furchung teilen sich die Zellen immer wieder. Das Erstaunliche ist, dass das ohne Genetik möglich ist. Man kann Seeigeleier entkernen und die Furchung kann trotzdem stattfinden. Erst mit dem Beginn der Gastrulation, der weiteren leiblichen Differenzierung des Keimes, wird die genetische Information erforderlich, sonst stirbt der Keim. Für die weitere Entwicklung werden also Qualitäten des Seelischen benötigt. Und erst am 12. Tag der Schwangerschaft entscheidet sich, ob aus dem werdenden Keim ein Kind wird oder zwei Kinder. Bis dahin ist es keine individuelle Entwicklung. Ab dem 12. Tag kommt das Individuelle, die Qualität des Iches dazu.
In diesen ersten zwei Wochen, in denen man noch gar nicht wissen kann, dass man schwanger ist, werden nach und nach alle vier Ebenen, die das Menschenwesen ausmachen, immanent: die Ebene des Physischen, des Lebendigen, des Seelischen und des Geistigen. Was aber ist das Menschenwesen? Was zeichnet uns als Menschen aus? Können wir in Zukunft Menschen von Maschinen sicher unterscheiden? Den weiteren Lebensweg kann man mit den folgenden Stichworten andeuten:
Befruchtung – Geburt – Schwangerschaft –
frühe Kindheit – Kindergarten – Schule – Erwachsen – Altern – Tod
– 3 – 6 – 18 – 30 – 40 – 50 – 60 – 70 – 80 – 90
Auf diesem Lebensweg sind wir ja jeden Tag ein anderer, der Mensch verändert sich im Laufe seines Lebensweges ständig. Er hat unterschiedliche Fähigkeiten und unterschiedliche Möglichkeiten. Beim Menschen ist immer alles in Entwicklung. Und damit diese Entwicklung stattfinden kann, bedarf es vielerlei Hüllen, die das sich entwickelnde Wesen schützen und unterstützen.
Zu Beginn der Schwangerschaft bildet sich das werdende Kind selber eine Hülle, die Fruchtblase mit ihren Anhängen. Dies ist eingebettet in die Hüllen der werdenden Mutter. In dieser Zeit ist das Kind ganz und gar abhängig von der schützenden Umgebung.
Nach der Geburt und im Laufe der frühen Kindheit lebt es im Schutz der Hülle der Familie, des sozialen Umkreises und im Schutz der Hülle des Kindergartens. Nicht umsonst sind gerade Waldorfkindergärten bewusst geschützt gestaltete Orte für die Kinder. Auch in dieser Zeit ist das Kind sehr unselbständig. Es bedarf in erheblichem Ausmass der Hilfe von anderen Menschen. Das ist in einem Ausmass der Fall, wie wir es von keinem Tier kennen.
Zwischen etwa 6 und 18 Jahren lebt das Kind und dann der oder die Jugendlichen in der Schutzhülle der Schule. Diese Hülle wird im Laufe der Jahre immer durchlässiger. Und das Kind, das noch recht unselbständig in die Schule kommt wird immer selbstständiger.
Zu den genannten sozialen Hüllen kommen weitere hinzu, denn während unseres ganzen Lebensweges sind wir eingebettet, umhüllt von der Lebenssphäre der Erde. Und wir und die Erde sind umgeben von der Hülle des Kosmos, die alles umgibt und die uns in vielfacher Weise beeinflusst. Man denke nur an die Sonne oder den Mond. Der Einfluss der Planeten ist schon feinerer Natur. Und die Welt der Sterne umgibt uns als geistige Sphäre.
Wir können zusammenfassen:
Hüllen, die sich das Kind selber bildet Hüllen der Mutter | Fruchtblase und ihre Anhänge Uterus, Leib der Mutter |
| Soziale Hüllen | Eltern, Kindergarten, Schule |
| Hüllen der Erde | Atmosphäre Lebenssphäre Hydrosphäre |
| Hüllen des Kosmos | Planetensystem Fixsternsphäre |
Lebenslange Lernfähigkeit
Die leiblichen Hüllen verlieren wir mit der Geburt. Von den sozialen Hüllen emanzipieren wir uns mit der Zeit mehr und mehr. Indem wir immer selbständiger werden, sind wir immer mehr auf uns selbst gestellt. Das macht das Bewältigen von schwierigen Situationen im Lebens nicht einfacher. Hier können wir möglicherweise Unterstützung erfahren durch Menschen, die wir in der Schulzeit kennengelernt haben, weil es oft lebenslange Freundschaften sind. Oder es kann uns möglicherweise ein solcher Geleitspruch helfend unterstützen. Das, was sich in der Schulzeit ins Herz geprägt hat, kann zu Hilfe kommen, kann sich spiegeln in den Lebenswegen: es kann den Lebenswegen hell beleuchtend Kraft und Orientierung geben, im Leben zu bestehen.
Die Hüllen der Erde und des Kosmos umgeben uns ein Leben lang. Wir werden von ihnen beeinflusst und geschützt. Inzwischen beeinflussen wir aber auch diese Hüllen, vor allem die der Erde. Insofern ist der Mensch ein sich emanzipierendes Wesen, das mit seinen Umkreishüllen im wechselnden Austausch steht. Mit dem Alter verlieren wir oft unsere äussere Selbständigkeit mehr und mehr und können wieder Wesen werden, die der Hilfe und Fürsorge bedürfen.
Schon während der Schwangerschaft und dann lebenslang ist der Mensch ein Wesen, das lernen kann. Die lebenslange Lernfähigkeit ist eine besondere Eigenschaft des Menschen, die er mit nur wenigen Tieren teilt wie etwa Elefanten und Delfinen. Der Mensch ist also ein Wesen das sich lebenslang entwickeln kann, das lebenslang lernen kann. Zwischen dem Bilden von Hüllen und dem Benötigen von Hüllen bewegen sich die Lebenswege. Dadurch ist das Menschenwesen immer anders, und doch ist man auch immer derselbe.
Es ist doch merkwürdig: Wenn man morgens aufwacht, hat man ja eine Bewusstseinslücke, und doch ist man morgens der Überzeugung: Ich bin es. Dadurch ist deutlich, dass mein Bewusstsein zwar während des Schlafes eine Lücke hat, aber nicht die Existenz meiner Individualität. Diese Kontinuität meines Ichs kann ich ja weiterdenken. Der Schlaf ist nur der kleine Bruder des Todes. Erweitere ich die Kontinuität meiner Individualität auch über den Tod hinaus, dann blicken wir auf eine Spirale der Entwicklung zwischen dem Leben auf der Erde und der Rückkehr in den Kosmos aus dem wir kommen.
Unsere Lebenswege und unser Menschsein werden von verschiedenen Dingen beeinflusst: von der Genetik, die wir als Erbe aus der Vergangenheit haben: von den verschiedenen Hüllen, die wir betrachtet haben. Und indem wir Pläne machen versuchen wir Zukunft zu antizipieren. So beeinflusst die antizipierte Zukunft unsere Gegenwart. Aber es gibt auch noch den Augenblick der Freiheit Das ist immer jener winzige Augenblick, in dem die Zukunft in die Vergangenheit übergeht - den nennen wir Gegenwart. Da kann es sein, dass wir nicht beeinflusst sind von dem, was aus der Vergangenheit und der Zukunft auf uns zukommt. Da ist die Möglichkeit gegeben, aus Freiheit eine selbständige Entscheidung zu treffen. Dadurch ist unser Lebensweg nicht abgesichert, unsere Entwicklung ist offen, und das gibt es nur beim Menschen.
Albrecht Schad