Orientierung in Raum und Zeit, historische Urteilsbildung, Reflexion: Der Geschichtsunterricht wird im Waldorf-Curriculum auf drei Ebenen aufgebaut. Im Fokus steht die Kulturgeschichte. Lesen Sie hier einen Ausschnitt eines Vortrages von M. Michael Zech, den er im Oktober 2025 in Frankreich gehalten hat.
Waldorfpädagogik geht davon aus, dass jeder Mensch eine eigene biographische Intention in sich trägt, die es zu achten und respektieren gilt. Dieser latente Teil der Individualität realisiert sich im Verlauf des Lebens in diversen Beziehungen zur umgebenden Welt. Diese umgebende Welt ist heute durch und durch von der menschlichen Zivilisation geprägt. Wenn wir gegenwärtig zur uns umgebenden Welt in Beziehung treten, werden wir mit den Folgen des menschlichen Handelns konfrontiert, vor allem mit den Folgen der von Europa und der westlichen Welt ausgegangenen Industrialisierung und Kolonisierung der Welt. Man kann diese Zeit, in der der Mensch stärker auf die Natur wirkt, wie die natürlichen Bedingungen auf ihn, als «Anthropozän»1 bezeichnen. (...)
Damit ging die dialogische Beziehung zur Natur verloren. Das Gewordene, das Lebendige wird zum nützlichen Objekt erklärt, wird zur Ressource unserer materiell basierten Zivilisation. Indem man Indigene auf anderen Kontinenten als «Wilde» (engl. brute) bzw. als Angehörige eines «Naturvolks» bezeichnete, rückte man sie aus ihrem Menschsein in die Nähe der Ressource, machte sie zu Objekten der Ausbeutung und Versklavung. Das ist der Schatten der lichten Zeit der Aufklärung beziehungsweise die dunkle Seite von «Enlightenment» (Erleuchtung).
Erzählen wir diese Geschichte mit dem Strom der Zeit von der Vergangenheit in unsere Gegenwart, können wir die grandiose Geschichte des technischen Fortschritts, der Nutzung der fossilen Energien, der Nutzung der Maschinen und Automatisierung erzählen. Wir können erzählen, wie sich durch Verkehrs- und Kommunikationstechnik unser Verhältnis zu Raum und Zeit veränderte. Wir können von dem Aufbau der globalen Netze bis in unsere Gegenwart erzählen. Wir überblicken den Weg vom laufenden Boten bis zur AI.
Beleuchtet man dieselbe Geschichte mit dem Licht der Zukunft, also dem, was sein könnte und noch nicht ist, dem was der Gewordenheit entgegenkommt, dann erkennen wir die gegenwärtige Herausforderung, die in unserer verloren gegangenen Beziehung besteht, die in der verloren gegangenen Verhältnismässigkeit unseres Handelns besteht. Dann erzählen wir die Geschichte des Verlustes und der zunehmenden Selbstgefährdung, die Elightenment in ein Schattenreich verwandelt – wenn wir sie nicht aus dem Möglichkeitsraum einer besseren Zukunft beleuchtend umgestalten.
Das, was da – um mit Gadamers Hermeneutik zu sprechen – aus dem Horizont der Zukunft leuchtet, ist die Latenz unserer ideellen Selbstansprüche, die in der Biographie jedes individuellen Menschen liegen. Interesse, Liebe und Verantwortung zur uns umgebenden Welt, transformieren die Beziehung des Menschen zu ihr, aber auch zu sich selbst.
Die Impulse dazu werden besonders in einem Geschichtsunterricht geweckt, der sich mit Kulturen der Frühzeit und mit der Vielfalt der Lebensformen auf dieser Erde beschäftigt. Eine solche Kulturgeschichte wird auf mehreren Ebenen und durch verschiedene Zeiten an den Waldorfschulen unterrichtet.
Die drei Ebenen des Geschichtsunterrichts in den Klassen 5-13:
Ebene 1: Historische Orientierung in Raum und Zeit (Klassenlehrperson)
Klasse 5-8: chronologisch aufsteigend
Ebene 2: Historische Urteilsbildung (Fachlehrperson)
Klasse 9: Frühe Neuzeit bis Gegenwart
Klasse 10: Vorgeschichte bis griechische Antike
Klasse 11: römische Antike bis Mittelalter
Ebene 3: Reflexion des Geschichtsbewusstseins (Fachlehrperson)
Klasse 12: Überblick und Reflexion des Geschichtsbewusstseins
Auf der ersten Ebene bekommen die Schüler eine Orientierung in Raum und Zeit, dann werden historische Urteile angeregt und schliesslich auf einer dritten philosophisch-erkenntnistheoretischen Ebene hinsichtlich ihrer Theorien und Annahmen reflektiert. Dieses Curriculum unterscheidet sich von dem der Regelschulen. Kulturgeschichte darf als besonderes Merkmal der Waldorfschulen gelten. (...)
Seit ihrer Gründung 1919 etablierte sich in der Waldorfschule Kulturgeschichte als eine Folge von Hochkulturen, die sich nach der letzten Eiszeit von Indien über den persischen Raum hin zu den grossen theokratischen Flusskulturen am Euphrat und Tigris beziehungsweise am Nil und weiter in den mediterranen Raum, in die griechische und römische Antike verlagerte. Über das europäische Mittelalter gestaltet sich nach Steiner seit Beginn der Neuzeit die fünfte nachatlantische Kulturepoche aus.
Geschichte entsteht, indem der Mensch sich erzählt und in die Zeit einordnet. Er gibt so sich und der Zeit Sinn. Der Mensch drückt so seine kulturellen Zugehörigkeiten aus. In früheren Kulturen geschah dies dadurch, dass er seiner Kultur in Riten beitrat. Er trat ein in das, was war, ist und sein wird. Dieses magische Bewusstsein ist nicht im eigentlichen Sinn Gedächtnis, denn es wird nicht erinnert, sondern an bestimmten Orten wird das, was war, ist und sein wird rituell permanent erzeugt. Man ist hier Träger und Mitgestalter und Teil des Kosmos. Die äussere Landschaft ist hier Seelenlandschaft, die Orte magisch und bedeutungsvoll, hier wird ein Ort- und Raumgedächtnis realisiert. Es realisiert sich in der Performanz der Akteure.
Das mythische Gedächtnis ist eine allumfassende grosse, sich fortwährend wandelnde und erweiternde Erzählung, ein kosmisch-menschlicher Bilderzusammenhang, der ständige Neubewertung erfährt, in dem Diesseits und Jenseits, Menschen- und Götterwelt zusammenklingen.
Aus ihm emanzipierte sich unter anderem in der griechischen Antike das, was Kulturwissenschaftler das Logos-Bewusstsein nennen. Hier werden der eigene Standpunkt, die eigene kollektive Herkunft und Zugehörigkeit in Abgrenzung vom anderen erzählt. Hier wird das Handeln der eigenen Gruppe argumentierend legitimiert. Die eigene Kultur wird als erwählte, bedeutsame und anderen Lebensformen vorzuziehende Besonderheit erzählt.2 Die Erzählung dient damit auch der Stiftung kollektiver Identität. In ihrem Sinne entstanden im 18. und 19. Jahrhundert die grossen nationalgeschichtlichen Narrative, die dann auch zunehmend der Gegenstand schulischer Bildung wurde.
Mit dieser Geschichte konkurrierte schon im 19. Jahrhundert eine Universalgeschichte der Menschheit, die den Entwicklungsgang als Progress erzählte. Sie wurde in Europa mit dem Anliegen geschaffen, eine Meistererzählung zu schaffen, die alle Kulturen umfasst. Dabei nahm sie vor allem die Ideen der europäischen Aufklärung zum globalen Massstab. Fortschritt und Rückständigkeit wurden an ihren Kriterien festgestellt und beschrieben.
Nicht zuletzt durch die französische Schule der Annales wandelte sich Kulturgeschichte im 20 Jahrhundert von einer Universalgeschichte der Hochkulturen bzw. Kulturepochen zu einer Geschichte, die das alltägliche Leben bzw. Kultur in allen Ausdrücken in den Fokus nimmt. Sie schliesst dabei nicht nur alle Lebensformen und menschlichen Produktionen, sondern auch die Staats- und Gesellschaftsformen ein. In globaler Dimension stehen Austausch, Konfrontation, Vernetzung und Übergänge in Zentrum des Interesses. (...)
Wie aber kann für den Schulunterricht eine Bildung der Inklusion der kulturellen Vielfältigkeit bzw. der Beziehung zwischen den Diversitäten umgesetzt werden?
→ Eine Antwort auf diese Frage finden Sie hier im ungekürzten Beitrag von M. Michael Zech, Professor für Didaktik der Kulturwissenschaften an der Alanus Hochschule.
Der Beitrag ist eine Transkription eines Vortrages, den M. Michael Zech auf dem Kongress der französischen Steiner-Schulen in Verrières-le-Buisson am 20. Oktober 2025 gehalten hat.
Fussnoten
1: Yuval Noah Harari, 2025, «Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen»
2: M. Michael Zech, 2018, «Handbuch Oberstufenunterricht an Waldorfschulen», S. 290-296