Im Juli 2026 fand im brasilianischen Florianópolis eine pädagogische Tagung mit mehr als 600 Lehrkräften statt, bei der auch Constanza Kaliks, die Leiterin der Pädagogischen Sektion teilnahm. Von vielen warmen Begegnungen und bleibenden Gesprächen blieb ihr besonders die Geschichte einer brasilianischen Lehrerin in Erinnerung.
Vanda Elisa Raulino, eine erfahrene Lehrerin aus Brasilien, besuchte eine Schule1, die zum sozialen Netzwerk «Rede Social» gehört. Das Rede Social ist ein Netzwerk, das fast 40 öffentliche Schulen in Brasilien umfasst. Diese Schulen arbeiten mit dem pädagogischen Impuls von Rudolf Steiner und stehen in engem Dialog mit den staatlichen Behörden. Es sind Schulen, die allen Kindern zugänglich sind und von vielen besucht werden, deren Familien in Armut leben.
Während des Besuchs begann Vanda Elisa, einen kleinen Jungen in ihren Armen zu schaukeln – es ist ein schaukelndes Boot und sie singt. Das Kind ist ganz still, sieht sie an und sagt ganz unerwartet: «Der Schutzengel kennt meine Adresse nicht.» Sehr betroffen steht Vanda Elisa auf, geht kurz hinaus und muss weinen, denn sie weiss um die grossen Herausforderungen zu Hause beim Kind. Wieder drinnen nimmt sie das Kind erneut in die Arme. Es sieht sie an und erzählt weiter: «Aber der Schutzengel kennt die Adresse dieser Schule.»2
Willkommen auf der Erde
Es muss Schulen geben. Orte der Hinwendung zum Kind, Orte, wo es etwas zu essen gibt, wo Schutz und Geborgenheit, Umarmung, Heiterkeit und Umsorgung dem Kinde versichern, dass es auf dieser Erde willkommen ist. Es sind Orte, die der Engel kennt. Doch wo bleibt der Engel für dieses Kind, wenn es nicht in der Schule ist?
Vielleicht ist das Lernen, zu beten und sich einer im Herzen gefühlten Instanz zuzuwenden, auch oder gerade heute ein zentrales Lernen. Für dieses Kind ist die Frage: «Muss ich an Engel glauben?» möglicherweise nicht relevant, sondern vielmehr die Frage: «Darf ich glauben, dass mich der Engel findet?»
In einer laizistischen und teilweise atheistischen Gesellschaft ist es fremd, zu denken, dass es für ein Kind von existentieller Bedeutung ist, dass sein Engel es finden kann. Was für ein Glück, dass Vanda Elisa das Kind und sein Verhältnis zum Engel in die Arme nehmen konnte. Was wäre gewesen, wenn sie gesagt hätte: «Der Engel findet dich weder hier noch nirgendwo, denn es gibt ihn nicht?»
Constanza Kaliks

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Fussnoten
1: In Brasilien ist der Kindergarten Teil der Schule. In diesem Text werden die Begriffe «Kindergarten» und «Schule» synonym verwendet, denn die Kindergartenkinder bezeichnen ihren Kindergarten als Schule.
2: Vanda Elisa Raulino berichtet von dieser Begegnung auch in ihrem Artikel im Buch zum 100-jährigen Gründungsjubiläum des Waldorf-Kindergartens in Deutschland, das gleichzeitig das 70-jährige Gründungsjubiläum des ersten Waldorfkindergartens in Brasilien ist. Vgl. Ana Paula Zeminian; Gabriela Moraes; Paula Levy; Paula Toschi Dassie; Regina Giachetta; Rosemeire Laviano; Talita Melone; Telma Benedicto; Vanda Elisa de Farias Raulino. Cuidar, cultivar, florescer. 100 Anos de Jardim de Infância Waldorf. São Paulo: FEWB, 2026, S. 146.