Umkämpfte Intelligenzen oder die Aufgabe das rechte Mass zu finden

Erstellt von Florian Osswald | |   11. Welt- Lehrer- und Erziehertagung
Die WLT 2022 trägt den Titel: Umkämpfte Intelligenzen – Mind the Gap. Die folgende kurze Betrachtung versucht einen Einblick in die Fragestellung zu geben, auf die der Titel aufmerksam macht.

Der erste Lehrerkurs Rudolf Steiners 1919 in Stuttgart stellt die Dreigliederung des menschlichen Organismus ins Zentrum. Der Mensch wird zuerst vom seelischen, dann vom geistigen und schliesslich vom leiblichen Gesichtspunkt aus beschrieben. Die drei Glieder verbindet er wechselseitig miteinander. Jedes Glied steht in einem dynamischen Verhältnis zu den beiden anderen, zusammen bilden sie einen lebendigen Organismus.

Steiner dekliniert seine methodischen Hinweise durch das Seelische, Geistige und Leibliche hindurch. Sie sind Grundlage des pädagogischen Handelns, das wiederum eine Wirkung auf alle drei Glieder hat. 

In diesem Sinne nimmt sein pädagogischer Ansatz in der methodisch-didaktischen Entwicklung von Unterricht eine besondere Stellung ein. Das Einbeziehen aller drei Ebenen entspricht einer neuen Sichtweise. 

Die Erforschung der körperlich-leiblichen Aspekte waren Steiner ein grosses Anliegen. Dabei ist die Verkörperung nicht ein einseitiger Akt in dem sich etwas nur im Körper einverleibt. Es ist vielmehr ein In-Einklang-Versetzen eines Körperlich-Leiblichen mit einem Seelisch-Geistigen. Mit den Worten Steiners:

Betrachten Sie das Kind, das hereingewachsen ist in die Welt, mit der genügenden Unbefangenheit, so werden Sie richtig wahrnehmen: Hier in dem Kind ist noch unverbunden Seelengeist oder Geistseele mit Leibeskörper oder Körperleib. Die Aufgabe der Erziehung, im geistigen Sinn erfasst, bedeutet das In-Einklang-Versetzen des Seelengeistes mit dem Körperleib oder dem Leibeskörper. Die müssen miteinander in Harmonie kommen, müssen aufeinander gestimmt werden, denn die passen gewissermaßen, indem das Kind hereingeboren wird in die physische Welt, noch nicht zusammen. Die Auf- gabe des Erziehers und auch des Unterrichters ist das Zusammenstimmen dieser zwei Glieder. (1)

Es geht demnach nicht nur um die Frage, wie kommt der Mensch in den Körper hinein, sondern vielmehr, wie findet er das richtige Mass, um das In-Einklang-Versetzen von Leibeskörper und Seelengeist. Gesundheit entsteht durch das In-Einklang-Sein, durch die Fähigkeit ein lebendiges Gleichgewicht erhalten zu können. Gesundheit ist grundsätzlich auf gesunde gegenseitige Beziehungen angewiesen.

Beziehungen Mensch - Erde

Aus der Bindungstheorie wissen wir, dass der Mensch in ein wechselseitiges Geschehen eingebunden ist. Die nahe Umgebung ermöglicht ihm Geborgenheit, die ihm die notwendige Sicherheit gibt, die Umwelt zu entdecken. Die Erlebnisse in der Welt stärken wiederum die Geborgenheit.

Das richtig Verkörpert-sein ist die Voraussetzung mit der Welt ausserhalb des Körpers in Beziehungen zu treten. Nur als verkörperte Wesen sind Menschen vorerst füreinander wirklich. Aber auch für die Erde ist der Akt der Verkörperung von Bedeutung: «Nur wenn wir unseren Leib bewohnen, werden wir auch die Erde als bewohnbar erhalten können.» (2)

Die entscheidende Aufgabe ist, welches Verhältnis der Mensch zu sich und seiner Umwelt bildet. Rudolf Steiner fasst die Aufgabe in einem Spruch zusammen:

Dem Stoff sich verschreiben

heisst Seelen zerreiben

Im Geiste sich finden

heisst Seelen verbinden

Im Menschen sich schauen

heisst Welten erbauen

Das reine Faktenwissen, der Stoff ist Voraussetzung, darf jedoch nicht alleine dastehen. Er würde die Seelen zerreiben.

Das Verstehen der Zusammenhänge der Dinge in der Welt, das Erfassen der Wechselwirkungen, ist ein wesentlicher Fortschritt. In ihm liegt jedoch die Neigung, in der Welt nur Objekte zu sehen, die zwar miteinander in Beziehung stehen, aber in eine «Es-Beziehung» führen.

Der dritte Aspekt: Im Menschen sich schauen, leitet eine ganz neue Sichtweise ein. Was haben diese Objekte der Welt mit dem Menschen zu tun haben? Was hat zum Beispiel ein Baum mit mir zu tun? Daraus kann eine «Du-Beziehung» entstehen. Wollen wir für die Welt Verantwortung übernehmen, müssen wir derartige Fragen zulassen, die einer belebten und beseelten Welt gerecht werden. Sie führen uns zu der Einsicht der wechselseitigen Abhängigkeit und in ein dialogisches Verhältnis zu Pflanzen, Tier und Mensch. So ist etwa Gesundheit dann nachhaltig, wenn wir die Gesundheit von Tieren, Pflanzen und Boden ebenso ernst nehmen wie unsere eigene.

Intelligenz

Entsprechendes lässt sich über die Intelligenz sagen. Sie wird vorerst ganz individuell erlebt. Entsprechend sind auch die Versuche sie zu beschreiben. Den meisten Intelligenz-Theorien ist gemeinsam, dass sie Intelligenz als eine Fähigkeit sehen, sich in neuen Situationen durch Einsicht zurechtzufinden und dies wird nicht durch Erfahrung ermöglicht, sondern durch das schnelle Erfassen von Beziehungen.

Rudolf Steiner erweitert diese Sichtweise und anerkennt eine ausserhalb des Menschen vorhandene Intelligenz, die im Menschen in individualisierter Form auftritt.

Das ist gerade die Grundlage für die Unmöglichkeit, in die Rätsel des Daseins einzudringen, dass der Mensch leicht geneigt ist, das Wesen der Intelligenz nur sich selber zuzuschreiben, und sich gar nicht die Frage beantworten kann: Wie bin ich berechtigt, die Intelligenzauf das Dasein anzuwenden? Wenn wir aber hinausschauen und sehen, dass die Dinge des Raumes und der Zeit sich so aussprechen, dass unsere Intelligenzdie Gesetzmässigkeit umfassen kann, dann sagen wir: Was in uns als Intelligenzlebt, das ist ausgebreitet in Raum und Zeit und wirkt dort in Raum und Zeit. (3)

In welches Verhältnis setzen wir uns zur Intelligenz in der Welt? Es kann eigentlich nur ein dialogisches Verhältnis sein, ein Begegnen der Welt.

Gibt es nicht nur meine Intelligenz, sondern eine Intelligenz mit der ich mich in ein Verhältnis setze, dann richtet sich der Blick in neuer Weise in die Welt.

Und wenn alles wirkliche menschliche Leben Begegnung ist, wie Martin Buber (4) schreibt, dann entscheidet sich an der Frage, ob und in welcher Weise wir einander begegnen, unser Verhältnis zur Wirklichkeit. Nur der andere Mensch befreit mich auch aus dem Käfig meiner Vorstellungen und Projektionen, in dem ich immer nur mir selbst begegne.

Literatur:

(1) Steiner,R.2019. Allgemeine Menschenkunde, Methodisch-Didaktisches, Seminar.Studienausgabe. Dornach: Rudolf Steiner Verlag. S.44
(2) Fuchs, T. Verteidigung des Menschen. Berlin: Suhrkamp, S.14
(3) Steiner, R. 1983. Antworten der Geisteswissenschaft auf die grossen Fragen des Daseins. GA 60. Dornach: Rudolf Steiner Verlag, S. 73
(4) Buber, M. 1984. Das dialogische Prinzip. Heidelberg: Lambert Schneider

Foto: Charlotte Fischer