"Wir werden uns mit solchen Gedanken begegnen". Lehrersein in Zeiten von Corona

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Matthias Braselmann, Lehrer an der Windrather Talschule, Deutschland

In dem Band „Zur Vertiefung der Waldorfpädagogik“ heißt es auf Seite 59

„Wir werden uns mit solchen Gedanken begegnen“

Am Ende der Konferenz vom 26. September 1919 spricht Rudolf Steiner einen Gedanken aus, den er später in seinem Abschiedsbrief an die Lehrerschaft ein letztes Mal in die Worte fasst: „Gedankenwirksamkeit eine uns.“ In der Konferenz zuvor heißt es: „Das wichtigste ist, dass immer Kontakt da ist, dass der Lehrer mit dem Schüler eine richtige Einheit bildet.“

Wenn wir nach einem Alleinstellungsmerkmal der Waldorfpädagogik fragen, dann ist es doch dieses: Die Suche nach einer Verbindung mit unseren Schülerinnen und Schülern, die sich nicht nur auf die äußeren Begegnungen vor Ort – im Klassenraum, im Schulhaus, auf dem Pausenhof, unterwegs… beschränkt. Wir suchen darüber hinaus nach Begegnung, wenn wir uns gedanklich – zum Beispiel in der Rückschau – auf das Rätsel des einzelnen Kindes oder Jugendlichen besinnen oder uns während einer Kinderkonferenz miteinander austauschen. Gerade wir könnten „Lieder singen“ über die Wirksamkeit solcher Bemühungen.

Eine andere Möglichkeit der Begegnung ist auch unser Umgang mit den Morgensprüchen:

Mein erstes Erlebnis mit dem Morgenspruch der Unterstufe hatte ich während eines Praktikums in meiner damaligen Klassenlehrerausbildung. Damals wurde mir schlagartig klar, dass mit dem Sprechen der Morgensprüche in allen Waldorfschulen rund um den Globus Tag für Tag etwas ungeheuer Bedeutsames geschieht: Begegnung!

Wenn ich auf meine 35 Jahre lange Erfahrung mit den Morgensprüchen heute zurückblicke, so ziehen verschiedene Gedanken durch meinen Sinn:

Ich stehe im Kreis mit meinen Schülerinnen und Schülern. Sie sind aufgestanden und auf sehr verschiedene Weise „gestimmt“ auf das was jetzt kommt: mal wohlwollend engagiert, mal freudig hingegeben, mal in der Haltung: „das Übliche über uns ergehen lassen“, mal krabitzig, manche sogar unwillig, häufig aber auch ganz offen, sodass im Anschluss vielleicht ein Gespräch entstehen kann. Ich selbst versuche, mich den Sprechenden zuzuwenden, sie zu „erfassen“ – und daraus den nächsten Schritt zu gestalten, der uns an diesem Morgen weiterführen soll.

Was tun in „Zeiten von Corona“?

Einerseits können wir versuchen, durch die sozialen Medien den Kontakt zu halten; mit dem einen oder anderen sicher auch durch das persönliche Telefongespräch. Arbeitsaufgaben können hin- und herfliegen, Videos können Bilder von Gesichtern zeigen, vielleicht können auch Verabredungen zu Applaus – Musik – Liedern zu bestimmten Zeiten getroffen werden.

Eine ganz einfache Möglichkeit könnte aber auch darin bestehen, dass wir zur gewohnten Zeit unseren Morgenspruch „durchgehen“ und versuchen, die Schülerinnen und Schüler zu erfassen, die sich ansonsten mit uns im Klassenraum befinden. Auf diese Weise könnten wir ein Flechtwerk schaffen im Sinne einer Begegnung in Gedanken rund um den Globus.

Ein weiteres Begegnungsinstrument könnten auch die Lehrermeditationen sein und mit ihnen die Möglichkeit, uns auch als Lehrerschaft in Zeiten sozialer Distanzierung immer wieder aktiv zu begegnen. Beide – die Morgensprüche, wie die Lehrermeditation – vor allem aber die durch sie mögliche Begegnung – können uns in diesen Zeiten Kraft und Mut geben.  

Das könnte nicht nur der besonderen Aufgabe der Waldorfpädagogik als Kulturtat Gewicht geben – wie sie Rudorf Steiner immer wieder anmahnt, sondern auch dort Interesse wecken, wo wir es mit unseren bescheidenen Mitteln nur ahnen können.

Literatur: Pädagogische Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Dornach (Hg): Zur Vertiefung der Waldorfpädagogik, Dornach 2007