Ein essayistischer Erfahrungsbericht

|   Distance Learning

von Philipp Kleinfercher, Freie Hochschule Stuttgart

Genauso wie Waldorfschulen sind auch die Ausbildungsseminare derzeit mit der Frage konfrontiert, wie mit den Student*innen aufgrund der durch die Verbreitung des Coronavirus bedingten  Schließung der Ausbildungsstätten weitergearbeitet werden kann.

Eine der Möglichkeiten, die in diesem Zusammenhang ergriffen werden kann, ist der Online-Unterricht per Video- und Audiokonferenz. Die Umstellungen, die sich dadurch ergeben, sind naturgemäß gewöhnungsbedürftig, da vor allem eines fehlt, das auch das Essentielle und Unersetzliche in der Erwachsenenbildung darstellt: die direkte Menschenbegegnung und daraus resultierend die unmittelbare Wahrnehmung des Anderen im Gespräch. Denn obwohl man sich zum Teil visuell-zweidimensional wahrnehmen kann, ist die Begegnung mit dem anderen Menschen vor allem durch den Kopfhörer vermittelt und erfordert eine hohe auditive Präsenz in der gemeinsamen Arbeit. Dabei kann etwas Entscheidendes erlebt werden, das die digitale Zusammenarbeit von der analogen unterscheidet: das Fehlen eines durch die Gemeinschaft gebildeten Hör- und Sprachraumes, eine gemeinsame Substanzbildung, die dazu beiträgt, dass in dieser besonderen Konstellation von Menschen gewisse Fragen und Gedanken leben können. Eine digitale Konferenzarbeit kann dies nicht oder nur in Ansätzen ermöglichen, da sie vermittelt und im Grunde additiv aus der Vereinzelung herausstattfindet. Doch in all diesem Mangel, der hier beschrieben wurde, liegt auch eine Chance, etwas für die reale zwischenmenschliche Begegnung als Fähigkeit auszubilden: nämlich sensibel zu werden für Zwischenräume und Übergänge. Gerade eine ausgesprochene Frage, auf die im digitalen Raum als Antwort geschwiegen wird, hat eine unglaublich starke Kraft, etwas zu zeigen, was ich an dieser Stelle nennen möchte: das Wachwerden für Leer-Räume und Leer-Stellen  in Verbindung mit dem Empfinden einer ehrfurchtsvollen Nähe zum anderen Menschen.Denn paradoxer Weise kann gerade eine durch das digitale Medium stattfindende Kommunikation darauf hinweisen, dass Leer-Räume (als Hörräume der Ruhe und des Schweigens) im Grunde Gestaltungsräume sind, die, wenn sie mit geistiger Präsenz und Wachheit gepaart sind, für wahrhafte Lebendigkeit im gegenseitigen Austausch Sorge tragen. 

Im Kontext dieser Frage nach Leerräumen ist es sehr interessant, auf einen zentralen Gedanken in einem von Rudolf Steiner am 17.6.1909 in Berlin gehaltenen Vortrag mit dem Titel Evolution, Involution und Schöpfen aus dem Nichts hinzuschauen. Rudolf Steiner kommt in diesem Vortrag auf den Gedanken der Evolution und Involution zu sprechen und führt aus, „(…) dass der Mensch neue Entwickelungstatsachen in sich aufnimmt und sich fortwährend bereichert (Steiner, 2008, S. 38)“. Dies geschieht im Gegensatz zur Natur, die unter den Gesetzmäßigkeiten von Evolution und Involution steht, dadurch, dass sich fortwährend Schöpfungen aus dem Nichts in der menschlichen Seele ereignen, die dadurch zustande kommen, dass der Mensch Relationen zwischen den gegebenen, von ihm vorgefundenen Tatsachen ausbildet und dadurch Neues in die Welt bringt. Diese Neuschöpfungen, die in der Seele des Menschen stattfinden, werden von seinem Ich hervorgebracht (vgl. Steiner, 2008, S. 44 ff.) und der Gedanke der vom Ich ausgehenden Schöpfungen aus dem Nichts wird von Rudolf Steiner in weiterer Folge in einen christlichen Zusammenhang gestellt: „Das Schaffen aus den Verhältnissen heraus nennt man in der christlichen Esoterik das Schaffen im Geiste. Und das Schaffen aus richtigen, schönen und tugendhaften Verhältnissen heraus nennt man in der christlichen Esoterik den Heiligen Geist. Der Heilige Geist beseligt den Menschen, wenn er imstande ist, aus dem Nichts heraus das Richtige oder Wahre, das Schöne und Gute zu schaffen“ (Steiner, 2008, S. 56)

Wie u.a. auf dieser Seite in vielen Beiträgen zu lesen ist, ringen derzeit viele Kolleg*innen um ein Schöpfen von Neuem aus den gegebenen Einschränkungen und Verhältnissen heraus und versuchen dadurch die Leerstelle, die zwischen ihnen und ihren Schüler*innen bzw. Student*innen entstanden ist, durch pädagogisch-eigenschöpferisches Handeln zu beleben. All dies geschieht ohne „doppelten Boden“ und einzig und allein auf der Grundlage einer inneren Beziehung zu den eigenen Schüler*innen und Student*innen, aus der Intuitions- und Enthusiasmuskräfte hervorgehen. Gerade aufgrund dieser individuellen Leistungen scheint angesichts der aktuellen Ereignisse die Frage berechtigt zu sein: Ist es an der Zeit, vermehrt auf Schöpfungen aus dem Nichts als ein Wirken aus dem Heiligen Geist zu achten und diese bewusst als Fähigkeit zu pflegen?

Am Ende jeder Unterrichtseinheit im Unendlichen des Zeit- und Raumgefüges des Digitalen stelle ich mir selbst in der Einsamkeit vor meinem Bildschirm die Frage: Wie ist der Unterricht für die Student*innen und für mich selbst verlaufen? Waren geistige Begegnungen, obgleich vermittelt durch das Digitale, für zumindest einen kurzen Moment möglich? Und weiteres: Wie wäre dieser Unterricht verlaufen, wenn ich mit meinen Student*innen gemeinsam in einem Raum gewesen wäre? Was wäre anders gewesen, welcher Gedankengang oder welche Frage hätte sich anders entwickeln können?

Eine der Antworten, auf die ich im Nachklang dieser Fragen immer wieder stoße, ist eine tiefe Sehnsucht nach unmittelbarer, direkter Begegnung. Dadurch, so denke ich, ist einer von vielen möglichen Keimen zu etwas Neuem nach der Wiedereröffnung der Schulen und Ausbildungsstätten gelegt: nämlich die Wiederentdeckung und Wertschätzung des direkten Gesprächs von Mensch zu Mensch als Grundlage jeglichen pädagogischen Wirkens. 

 

Literatur: 

Steiner, Rudolf (2008): Schöpfen aus dem Nichts. Wahrheit, Schönheit, Güte. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben.