Konferenzen mit den digitalen Medien – eine spezielle Herausforderung der Corona-Krise

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von Tomas Zdrazil, Freie Hochschule Stuttgart/ Internationale Konferenz

Als Waldorflehrer bin ich darum bemüht, mir deutlich und kritisch die mit der Corona-Krise zusammenhängenden Problematiken in der Anwendung und Nutzung der digitalen Medien vor Augen zu stellen. Ich fühle mich auch verpflichtet, die verschiedenen Schichten des damit verbundenen Geschehens zu durchschauen. Aber es wäre für mich ein fataler Fehler, deswegen aktuell auf die Internet-gestützten Konferenzen zu verzichten. Denn es ist im Moment die einzige Möglichkeit der kollegialen Zusammenarbeit… Riskieren wir nicht, durch den Verzicht auf die kollegiale Konferenzarbeit doch im Sinne der durch „Corona“ wirksamen finsteren Geistigkeit und kalten Intelligenz zu handeln? Man muss außerdem aufpassen, um nicht die kollegiale Schulführung zugunsten von hierarchischen Führungsstrukturen aufzugeben. Es wird von einigen wenigen agiert und reagiert, meistens nur im Hinblick auf das unmittelbar Technisch-Organisatorische. Die Umstände, die zum Verzicht auf gemeinsame Konferenzen führen, können unterschiedlich aussehen: prinzipielle Ablehnung der digitalen Medien („…eine substanzielle Arbeit via Internet geht nicht…“), Illusion von schnellen durch einzelne Menschen oder eine kleine Gruppe gefassten Lösungen („…in der ganzen Konferenz kann man nicht effizient genug arbeiten…“) oder sogar Bequemlichkeit („...alle haben genug zu tun, warten wir ab…“). 

Im Folgenden soll in aller Vorläufigkeit und Frische aphoristisch über einige Aspekte von praktischen Konferenz-Erfahrungen an der Freien Hochschule Stuttgart berichtet werden. Die Hochschulführung hat gleich in der zweiten Woche nach dem Aussetzen des Unterrichts eine Konferenz veranstaltet. Es geschah mit Hilfe von „BigBlue Button“, einer frei zugänglichen Open Source Software für Web-Konferenzen. Unsere Online-Konferenzen werden in die Pädagogische und die Hochschulkonferenz aufgeteilt.

A. In der Pädagogischen Konferenz, die zwischen 30 und 45 Minuten dauert, haben wir uns mehr oder weniger ausschließlich demOnline-Unterricht gewidmet. Das erste Erlebnis: die Freude, sich wieder sehen und hören zu können! 

Wir bekommen eine Einführung in die Benutzung der Software und tauschen unsere technischen und pädagogischen Erfahrungen mit der Software aus. Es geht um die Fragen, welche Themen sich wie mit dem Online-Medium unterrichten lassen, um die Findung eines gemeinsamen Stils, um die Rückmeldungen der Studenten, aber auch um die Stundenplanung, die Einarbeitung von Gastdozenten und damit verwandte Themen. Teilgenommen haben fast alle hauptamtlichen Dozenten der Hochschule, auch einige Dozenten mit Teilanstellung oder Gastdozenten, konkret bis zu 30 Menschen. 

B. Danach folgt die Hochschulkonferenz, die der Schulführungskonferenz gleich ist. Fast alle Kollegen (etwa 22 an der Zahl) sind über die Kameras mit den Bildern zugeschaltet, was doch zur Überwindung der Isolierung beiträgt. Einige weitere Aspekte scheinen dabei wichtig zu sein.

  1. Die Vorbereitung: Im Vorfeld der Konferenz werden Unterlagen zu den behandelten  Punkten verschickt, damit alle mit dieser Themenstellung vertraut sind, die Aufmerksamkeit der Teilnehmer nicht überstrapaziert wird und die Zeit des Gesprächs auf das notwendige Minimum reduziert werden kann. Einige Berichte, die sonst mündlich gegeben werden würden, werden nur in schriftlicher Form erbeten und verschickt.
  2. Zur Eröffnung und zum Abschluss der Konferenz ist ein kurzer tiefgründiger Text hilfreich. Er ermöglicht eine Fokussierung der durch das digitale Medium fragmentierten Aufmerksamkeit, eine gemeinschaftliche Einstimmung und Vertiefung. 
  3. Besondere Ansprüche stellt eine Online-Konferenz an den Gesprächsleiter. Sie muss besonders auf die Disziplin und Stringenz des Gesprächs achten, immer wieder Bündelungen vornehmen, Lösungsvorschläge machen, um die Orientierung der Teilnehmer zu erleichtern und ihre Aufmerksamkeit nicht zu verlieren.
  4. Kontroverse Themen sind in den Online-Konferenzen besonders schwierig zu beraten und anschließend bis zu Entscheidungen zu führen. Ein hohes Maß an innerer Disziplin ist dabei erforderlich, mit konzentriertem Zuhören und wohl bedachten kurzen Beiträgen. Mit der erwähnten Software stimmen wir mehrmals (mit „Ja“ und „Nein“) über eine Frage ab.
  5. Die Konferenzzeiten sind wegen der raschen Ermüdung der Teilnehmer kurz zu halten, womöglich nicht länger als 60 Minuten. (Das haben wir allerdings auch selten geschafft.)
  6. Verschiedene Themen werden an spezielle Gremien zur weiteren Bearbeitung delegiert und diese treffen sich dann auch zu eigenen Online-Beratungen. Das ist natürlich nur fruchtbar, wenn die Gremien zwischendurch und anschließend berichten.
  7. Unsere Software-Lösung bietet eine Chat-Funktion, die während der Konferenz sichtbar gemacht werden kann Die Chat-Äußerungen am Rande der Online-Konferenz lenken ab. Man muss sie auf ein Minimum beschränken.
  8. Die Gespräche über Einstellungen von neuen Kollegen (was direkt unsere Erfahrungen mit Menschen betrifft) gestalten sich schwierig und ziemlich unbefriedigend. Je persönlicher und je näher die Themen an uns herankommen, umso schwerer wird es – und umso weniger eignet sich das technische Medium. 

Ganz sicher kann man noch feiner den Umgang mit einer Internet-gestützten Konferenz beschreiben und ganz sicher kann man mit der vorhandenen Technik kreativer umgehen. Die Schulkollegien sollten aber ihre Scheu überwinden - in Zeiten, wo man anders nicht zusammen kommen kann. Es geht heute um die Frage, wie wir der sich breit machenden Atomisierung entgegenarbeiten und doch einen gemeinsam verantworteten Bewusstseinsraum schaffen, aus dem heraus die Belange der Schule bearbeitet werden: „…besondere Zeiten haben ihre besonderen Aufgaben…“ (R. Steiner in GA 293, S. 19)