Überschreiten des Rubicons in Richtung Internet

|   Distance Learning

von Martina Warecka, Klassenlehrerin Rudolf Steiner Schule Pötzleinsdorf Wien/ Österreich

So schnell kann es gehen: Ein kleiner Virus mit großer Mission beschließt durch die Welt zu reisen um die Menschen zum Umdenken und “Umhandeln” zu zwingen. Wer hätte das gedacht!?

Wir von der Waldorfschule Pötzleinsdorf, sonst ein so schönes, medienfreies Leben am grünen Stadtrand Wiens pflegend – fernab der Digitalisierung, des Stresses und des Materialismus der “normalen Welt” – stehen plötzlichmitten in der Krise. Schon am Mittwoch vor der Schulschließung überkam mich eine Ahnung der Dimension dieser Situation, als ich mich plötzlich fragen musste: ”Werden da in Zukunft noch die selben Menschen in meiner Klasse zusammenkommen?” Wenn auch die Erfordernisse des Hauptunterrichtsablaufs mir schnell zur Normalität zurückzukehren half, klang das Morgenlied in meinen Ohren jedoch bestätigender und kohärenter denn je, als wir ”Jeden Morgen geht die Sonne auf” sangen, vor dem Hintergrund der aus der Zukunft heranrasenden neuen Wirklichkeit. Die Parallelen zwischen Unterrichtsinhalten, Versen, Liedern, Zeugnissprüchen und Abschiedslied einerseits und den ganz aktuellen Geschehnissen andererseits waren noch nie so stark, ihre Relevanz für die Kinder meiner Vierten Klasse, und deren Zukunft, noch nie so erlebbar wie an diesem Tag:

Ruhet von der Tagesmüh, es will Abend werden. 

Lass die Sorg bis Morgen früh, Gott bewacht die Erde.

Plötzlich sagte es aus mir: “Kinder! Das was wir heute noch gemeinsam machen, werden wir vielleicht einige Zeit nicht mehr tun können. Merkt euch alles sehr, sehr gut, ihr werdet es heimnehmen und noch gut brauchen können. Es kann sein, dass ihr schon bald die Lehrer eurer Eltern werdet.” Mein innere Kritiker schaltete sich aber sofort ein: “Ende der Predigt!” sagte er, “halt deinen “Melancholismus” für dich! Die lieben Schüler befinden sich doch im Rubikon und sind schon verunsichert genug”. Dann ging es an den letzten gemeinsamen Unterrichtstag: 

“Wach sei mein Haupt, liebend mein Herz, helfend die Hand. 

Was ich dann tu, recht wird es sein, schön und fromm und gut.”

Am Freitag kamen nur noch sieben Viertklässler zur Schule. Wir sammelten Ideen was wir heute, an diesem so speziellen Tag, alles miteinander machen wollten. Es wurde zum intimsten und intensivsten Hauptunterricht den wir je hatten, und es entstanden neue Formen, Gesprächsmöglichkeiten, Bewegungsideen und Farbübungen (von Blau bis Gelb), wie in einem gemeinsamen Zukunftslabor! Auch ein Name für die uns bevorstehende Zeit wurde gefunden: “Die Zwischenzeit”.

Wir richteten die Unterrichtsmaterialien (bis jetzt noch nicht gebrauchte Schulbücher mit unzähligen “Mathe-Knobelaufgaben”, “spannende” Wörterbücher, etc für die ganze Klasse schön zusammen, dazu kam Kreuzstich-Wolle in allen Farben, vergessene Flöten und geliebte Gegenstände allerart, und kleine schöne Heftchen, die unsere “Zwischenzeit-Tagebücher” werden sollten. Wir machten die Klasse sauber, “damit es dann gleich gut weitergehen kann” und verabschiedeten uns wie immer sehr eng und herzlich. 

Am Montag waren alle zuhause und blieben auch bis heute dort.

Die Klasse war leer, Frau Warecka mit ihrer Familie traulich beisammen. Um neun ging es dann los: Kerze, Wach sei mein Haupt, Morgenspruch-Stille——-Die kleine fast zweijährige Tochter am Arm schaute mich groß an. Stille. Stillstand? Bevor die Melancholie sich melden konnte gingen wir spielen. Nur wir zwei: Mutter und Tochter. Mitten im gefühlten Hauptunterricht.

Nun begann eine sehr intensive Zeit der Neugestaltung, Aufbereitung und Portionieren des Unterrichts: Der Rhythmische Teil wurde auf Herz und Nieren geprüft, Zungenbrecher vor Sprachgestaltung gestellt, Flötenlieder mit Noten, später auch mit Videos unterstützt, eine Litanei über das Malreihenüben verfasst, und Lernfelder gut und kurz in Themengebiete gezwängt: Sprachlehre, Rechnen und Musik wurden in verschiedene Kapitel aufbereitet, zusammengefasst, verständlich gemacht, sodass ab nun Eltern, ganz den Bedürfnissen der Kinder angepasst, daraus ihr Lernprogramm täglich zusammenstellen konnten. Wie bei einem Menü: Von jedem Gang eine Auswahl. So meine erste Idee.

Was daraus wurde? Eine ganz heterogene Lernlandschaft (der Lernniveau-Unterschied in der Klasse beträgt ca. zwei Jahre) mit sehr engagierten Familien, die täglich in der im Hintergrund ablaufenden “Elternschule” vom Klassenlehrer zusätzlich nächtens betreut werden. Diese “Hochfrequenz Online-Nähe" steht im krassen Widerspruch zum geforderten “Social-Distancing” und hat uns tatsächlich dazu gebracht, den gemeinsamen Kreis um die Kinder enger zu flechten. Das bringt mit sich, dass die Fragen über spezielle Kinder intensiver, die individuellen Mitteilungswünsche der Eltern häufiger werden.

Wie geht es aber den Kindern der vierten Klasse? Bei den wöchentlich gehaltenen “Skype-Geigenstunden” konnte ich den “Einblick” gewinnen, dass es den geigenden Kindern zuhause sehr gut geht und sie ihre viele Arbeit für die Schule, das eifrige Harry Potter Lesen und das neue Ausmaß der Elternnähe sehr genießen. Von Problemen hörte ich (noch) nichts –wirwaren aber erst am Ende der dritten Woche unserer “Zwischenzeit”.

Was ist aber nun mit unserer “gelebten Klassengemeinschaft?” 

In meinen Arbeitsabenden, die zu Arbeitsnächten wurden, drängte sich die Frage immer lauter auf: Wie können die Kinder wieder das Gemeinschaftsgefühl zurückbekommen, das wir so behutsam zu pflegen gewohnt waren? Wie können sie in der anstehenden Formenzeichnen-Epoche von einander lernen, wenn sie den “Museumsrundgang” nicht erleben? Ich musste einen Begegnungsraum kreieren, in dem wir sein dürfen, der nur unserer ist, auf den wir stolz sein dürfen, den alle sehen und alle gestalten können.

Ich durchforstete das Internet, und siehe da, mein ganz genauer Wunsch nach einer “Klassenpinnwand”, auf die jedes Kind seine Beiträge (Dateien, Fotos, Videos, etc) hochladen kann, wurde erfüllt!

Jetzt wird mit Ziel und Fokus gearbeitet – um es allen zu zeigen. Nicht nur den Eltern wird entsprochen, oder Frau Warecka, sondern es wird so lange geübt, bis man etwas vorzeigen kann: Fußballkunststücke aus dem Trainingsalltag, Laufeinheiten, eine erste oder zweite Flötenstimme zum dazu Spielen, Gotische Schrift mit Feder geschrieben, Zeichnungen, Geigenstücke, Celloübungen, Ziehharmonika-Ostermusi, Rechnungen, Rätsel, Grußbotschaften, Witze etc. Und das ist erst der Beginn. Nach Ostern werden wir es für die Formenzeichnen-Epoche nutzen: Jedes Kind übt die neue Form und zeigt dann allen seine schönste Arbeit als Foto auf Padlet. So wird jeden Tag eine Klassen-Ausstellung entstehen.

Am letzten Elternabend widmeten wir uns dem Thema “Neue Medien”. Wir einigten uns darüber, dass die Kinder nur analoge Handys, wenn überhaupt, haben sollten. Um mit gutem Beispiel voran zu gehen und weniger am Handy zu sein, legten wir Erwachsene freiwillig unsere Kommunikations-App still. Das war vor Corona. 

Jetzt ist alles anders: Wie froh  ist man, über das unsichtbare Netz miteinander weiter in Ton, Bild und Schrift verbunden sein zu können! 

Auch eine Waldorflehrerin aus tiefster Überzeugung, muss sich dieser Tage im “Schatten-Springen” üben und die Zeichen der Zeit mutig zu lesen versuchen. Nur wer ein wirklich moderner Zeitgenosse werden will, kann den, in genau diese Zeit hineingeborenen, Kindern und den ganz neuen Krisen-Lebensumständen gerecht werden. Werkzeuge sind dazu da sie zu benutzen. Nicht ihnen zum Opfer zu fallen. Das will gemeinsam geübt werden. Die Zeit dafür scheint nun reif zu sein.

Ich empfehle aus meiner positiven Erfahrung mit meinen Schülern daher ab der 4. Klasse eine App (z.B. Padlet) als “Klassenpinnwand” zu nutzen. Habt Mut dazu! Es bringt eure Kinder näher zueinander, es macht sichtbar was sie tun, es belebt den email gesteuerten Homeschooling-Unterricht und spornt die Kinder zu wahren Höchstleistungen an, sich kreativ zu beteiligen. 

Warum Padlet (erst) ab der vierten Klasse?

Der Entwicklungsprozess um das neunte bis zehnte Lebensjahr – der Rubikon und die neuen Möglichkeiten der Selbst- und Fremdwahrnehmung – birgt für heranwachsenden Kinder die Gefahr der Vereinzelung. Nun ist die Stärkung der Gemeinschaft eine zentrale Aufgabe des Unterrichts in der wir uns auch in der Wertschätzung in der Fremdwahrnehmung üben. Dazu ist der gut geschulte Wille nun in der Lage, so lange etwas zu versuchen, bis es klappt, und man damit zufrieden ist. Wenn man das Resultat jetzt auch den Klassenkameraden zeigen kann, stärkt das die Autosuffizienz und damit die Selbstwahrnehmung. In Zeiten wie diesen ist das ein wichtiger Aspekt der allgemeinen Salutogenese. Vielleicht trägt also die “Klassenpinnwand” dazu bei, dass das Immunsystem stark bleibt. 

Was danach geschieht, wenn der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden darf, wie es unserer geliebten Schule und deren Elternschaft gehen wird, weiß noch niemand. Der Hunger nach zwischenmenschlicher Gemeinschafts-Vollwertkost wird jedenfalls groß sein, wir werden wieder gemeinsam kochen, und es wird uns schmecken! 

Das Padlet Tool werde ich wohl dann geschlossen haben da wir ja wieder Klassengemeinschaft leben werden. Jedenfalls haben die Viertklässler in unserer “Zwischenzeit” auch das Internet als Ort der warmen und liebevollen Begegnung kennenlernen dürfen. 

Unsere geliebte Schule ersetzen konnte das natürlich keinesfalls.