Ungewisse Zeiten in Argentinien

Created by Tamara Henke | |   BLOG Distance Learning
Wie vielerorts auf der Welt, sind wir in Argentinien seit dem 20. März räumlich isoliert, schweben in einer “zeitlosen” Zeit. Die Realität hat sich gewandelt. Sie setzt sich zusammen aus unendlich vielen Fragmenten, die uns aus den Medien berieseln. Was empfinden wir eigentlich?

Wir befinden uns in einer ungewissen Dimension. In Argentinien, wo wir seit Jahren in anhaltender Inflation leben (letztes Jahr 50 %), mit zusätzlichem politischen Umschwung, ist die Ungewissheit schon ein Dauerzustand. Nichts ist beständig, alles ändert sich. In dieser bedrohlichen Ungewissheit haben wir eine grosse  Anpassungsfähigkeit und viel Kreativität entwickelt, immer in Bewegung auf der Suche nach neuen Lösungen, die sich in ihrer Entwicklung weiter verändern…            

Dauerhaft in unserer Kultur ist ein intensives Sozialleben, das uns in Versammlungen, in spontanen Treffen mit Freunden, in langen Gesprächen, in der Mate- Teerunde zusammenführt.

Vielleicht ist dies der Nachklang einer lateinamerikanischen Kultur aus dem V. Jahrhundert v.Chr. Längs der Andenkette lebten damals viele verschiedene Gemeinden mit eigenen Kulturmerkmalen, aber einer gemeisamen Grundstimmung: Sie bauten nicht den höchsten Tempel, aber entwickelten kooperativ ein sehr effizientes Bewässerungssystem, das den Anbau einer grossen Vielfalt von Nahrungsmitteln ermöglichte. Der Ertrag wurde unter der Bevölkerung verteilt, und kooperativ wurde auch beraten und beschlossen.

Diese Gemeinsamkeit in Diversität ist im Netzwerk der Waldorfschulen im Land sehr gegenwärtig, in Treffen und Versammlungen (in Argentinien gibt es heute ca. 70 Waldorf Initiativen, von denen die meisten in den letzten Jahren entstanden sind).

In den Schulgemeinden konzentriert sich der Impuls auf eine soziale Wirtschaft, auf Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben. Das Ziel ist, auch für Familien aus sozial schwächeren Schichten den Schulbesuch zu ermöglichen. Gemeinsame Projekte, wie Arbeitsvermittlung und Arbeitsbörsen gibt es schon länger. Vor einigen Jahren haben sich die Eltern von benachbarten Schulen zusammengetan, um Erfahrungen auszutauschen. Landesweit ist eine Arbeitsgruppe “soziale Wirtschaft” entstanden, der viele Schulen angehören.

Sozial empfindende Menschen können nur aus einer Erziehungsart hervorgehen, die von sozial Empfindenden geleitet und verwaltet wird. Man wird der sozialen Frage niemals beikommen, wenn man nicht die Erziehungs- und Geistesfrage als einen ihrer wesentlichen Teile behandelt. Man schafft Antisoziales nicht bloß durch wirtschaftliche Einrichtungen, sondern auch dadurch, daß sich die Menschen in diesen Einrichtungen antisozial verhalten. Und es ist antisozial, wenn man die Jugend von Menschen erziehen und unterrichten läßt, die man dadurch lebensfremd werden läßt, daß man ihnen von außen her Richtung und Inhalt ihres Tuns vorschreibt. (1)                                                            

Nach zwei Monaten Ausgangssperre, zeichnen sich nun zwei unterschiedliche Aspekte ab. Einerseits wird die konkrete Situation, insofern sie sich in die Länge zieht, immer schwieriger, obwohl in allen Schulen mit viel Einsatz und gutem Willen gearbeitet wird. Ein grosser Teil der Familien kann die Beiträge nicht mehr leisten und blickt mit Besorgnis in die Zukunft. Andererseits entwickeln sich in den Schulgemeinschaften auch neue Ideen, nach dem Leitsatz “das ist keine Krise, sondern eine neue Herausforderung”,  “eine sinnvolle Aufgabe bewegt neue Kräfte”. Die spontane Reaktion überall: Niemand wird ausgeschlossen. “Dieser kalten Medienwelt begegnen wir mit Wärme”. Einige Lehrer haben sich die Gehälter gekürzt oder arbeiten unentgeldlich, um Familien ohne Einkommen zu unterstützen. In einigen Schulen gibt es Suppenküchen, bei denen Schüler und Exschüler mithelfen. Viele beteiligen sich an Kursen über “Bewusstsein und Geld”, die in ganz Lateinamerika im Netz viel Anklang finden.                                                          

                                 Aus dem Ernst der Zeit

                                  muss geboren werden

                                  der Mut zur Tat.

                                  Gebt dem Unterricht

                                   was der Geist euch gibt

                                  und ihr befreit die Menschheit

                                 von dem Alpdruck

                                    der auf ihr lastet durch

                                  den Materialismus.

                                                                     Rudolf Steiner

Wirkliche Erfahrung ist für uns Menschen nicht übertragbar, wie uns Künstler und Dichter lehren. Für Erzieher, die wissen, dass “der Mensch in der Welt wirkt durch seine Taten, aber an erster Stelle durch das, was er ist”. (2) Bewegt in dieser Zeit die Frage: Wie kann diese zwischenmenschliche Beziehung in der Pädagogik weiter gepflegt werden? Wie vermittelt man mit den vorhandenen Mitteln in dieser Zeit Stimme, lebendige Bilder, Erlebnisse?

Lehrer und Lehrerinnen verlieren den Kontakt zu den Kindern. Wie fördert man die Entwicklung im ersten Jahrsiebt über die Nachahmung ohne Zusammensein?

Von Anfang an war klar, dass dies nur über die enge Zusammenarbeit mit den Eltern ermöglicht werden kann. So werden die Eltern kreativ und versuchen, den Tagesablauf so zu gestalten, dass sich heilsame Rhythmen einstellen. Und entwickeln ein Bewusstsein für die gesundende Erziehung ihrer Kinder.

Vollständig erfüllt wird dasjenige, was wir wollen, doch erst werden, wenn wir einmal so weit sind als Menschheit, dass auch die Eltern verstehen werden, dass schon in der ersten Epoche der Erziehung besondere Aufgaben der heutigen Menschheit gestellet sind. (3)

Die Kindergärtnerinnen verteilten Vorschläge für Aktivitäten im Herbst, Zeichenpapier, Seidenpapier, Wolle, Webrahmen, Filz, Samen, Lieder, Rezepte. Lektüre wurde an die Eltern verschickt, sie tauschten sich aus… Und zurück kamen Fotos, in denen etwas von dieser Atmosphäre zu spüren war. Und Briefe:“…die Gelegenheit, in der Familie harmonisch beisammen zu sein, gibt uns Kraft, diese Zeit durchzustehen. Wir dürfen Teil des Lernprozesses unserer Kinder sein, und geben weiter, was die Lehrer mit so viel Liebe und Zuwendung für sie vorbereiten. Wir können auch ein wenig hineinschauen in das “wie” sie lernen, und sind für dieses Geschenk sehr dankbar.”

In der Unterstufe wird versucht, dass Kinder in der ungewohnten Realität ihren Rhythmus finden, abwechseln zwischen Bewegung und Ruhepausen, zwischen Zusammensein und Alleinsein; dass sie im Haushalt mithelfen, und auch wieder aufräumen. Mit Kreativität wird mit dem Material gearbeitet, was es zuhause gibt: selbstgemachte Zeichenkohle, Farben aus Zwiebelschalen, Paprika und Mate-Tee. Damit entstanden dann wunderbare Bilder mit Herbstblättern. Hefte wurden gebastelt, mit Wolle zusammengenäht. Plastiziert wurde mit Brotteig, mit Erde, auf dem Boden, auf dem Tisch. Gestrickt und gehäkelt wurde mit aufgetrennten Pullis, gesät wurde in Blumentöpfen oder im Garten. Dazu ein Elternbrief:… “den Lehrern meinen Dank für die Hingabe , mit der ihr jeden Arbeitsauftrag, jede Geschichte überbringt. Ich glaube, ihr habt es noch schwerer als wir, euch in dieser ungewöhnlichen Zeit als Erzieher neu zu erfinden.”

Die Lehrer der Oberstufe versuchen, den Kontakt zu den Jugendlichen und den Eltern zu halten, helfen bei der Erstellung von Schulaufgaben und achten aufmerksam  auf den Gemütszustand der Jugendlichen. Obwohl sich die Beanspruchung in der Schule verringert hat, ist das Zeitgefühl unstrukturiert, dehnbar… Die Jugendlichen haben es schwer, in diesem Kontinuum einen Rhythmus zu finden. In diesem Kontext müssen Wege erarbeitet werden, um die Eigenaktivität stärker zu fördern.

Die Lehrer selber haben sich in einigen Schulen zu Lerngruppen getroffen, um die Allgemeine Menschenkunde zu vertiefen, mit der Frage, was man für diese spezielle Situation ablesen und für die Selbsterziehung fruchtbar machen kann.

Mit vielen Fragen, in Ungewissheit, greifen wir auf unsere inneren Kräfte zurück, damit daraus neue Wege für die Herausforderungen und Fragen von Kindern und Jugendlichen in ungewissen Zeiten erwachsen.

                                    Meine Gedanken fliegen zur Schule hin

                                    Dort wird mein Körper gebildet

                                  Zur rechten Tätigkeit,

                                  Dort wird meine Seele erzogen

                                  Zur rechten Lebenskraft,

                                  Dort wird mein Geist erweckt

                                  Zum rechten Menschenwesen.

                                                                                              Rudolf Steiner

 

Tamara Henke wurde in Buenos Aires (Argentinien) geboren, wo sie auch aufgewachsen ist. Sie ist eine der Gründerinnen der Waldorfschule Clara de Asís, die in einem Vorort von Buenos Aires liegt, und wo sie noch als Literaturlehrerin arbeitet. Tamara Henke nahm von Anfang an an der Veranstaltung des Lateinamerikanischen Seminars der Waldorfschulen in Buenos Aires teil. 2012 startete sie zusammen mit einer Gruppe von Kollegen die Redes (Netzwerke) Bewegung, die die Argentinischen Waldorfschulen zusammenbringt. Sie ist Mitglied der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung.

Literatur

(1) Rudolf Steiner,Die Kernpunkte der sozialen Frage, Prolog.

(2) Rudolf Steiner, Allgemeine Menschenkunde, 1. Vortrag.

(3) Rudolf Steiner, ibídem